„Runaway cow“ Yvonne – eine Kuh bewegt die Welt

von Redaktion

Fast 100 Tage hat Kuh Yvonne im Jahr 2011 Jäger, Behörden und Medien in Atem gehalten. Dem Redakteur Josef Enzinger gelang damals das einzige Foto der scheuen Ausreißerin. Das Bild ging um die Welt und machte das Tier zum globalen Medienstar.

Mühldorf – Eigentlich hieß sie „Angie“. Die damals sechsjährige Kuh war Ende Mai 2011 ausgebüxt – ausgerechnet kurz bevor sie zum Schlachter gebracht werden sollte. Anfangs nahm kaum jemand Notiz davon. Erst als im Landratsamt Mühldorf eine Meldung über eine herrenlose Kuh im Bereich der Jagdgenossenschaft Zangberg eingegangen war, wurde die Geschichte interessant. Das Tier ließ sich anhand der Ohrmarke nicht identifizieren. Gleichzeitig wurde vor einer möglichen Gefahr für Autofahrer gewarnt, falls die Kuh die Straße überqueren sollte.

Der Tipp für das Bild
kam vom Jagdpächter

Zwei Wochen später meldete sich Jagdpächter Dr. Erich Loserth bei den OVB- Heimatzeitungen. Er wusste, wann die inzwischen auf den Namen „Bambi“ getaufte Kuh jeden Abend aus dem Wald kam, um zu grasen. Seine Einladung, das Tier zu beobachten – und vielleicht sogar zu fotografieren –, ließ ich mir nicht entgehen.

Mit einer Canon-Spiegelreflex samt 200-Millimeter-Teleobjektiv und einer Bridgekamera mit 1.200-Millimeter-Zoom machte ich mich auf den Weg. Loserth setzte mich am Rand eines Maisfeldes auf einen kleinen Schemel. Gemeinsam prüften wir sogar die Windrichtung, damit die Kuh uns nicht wittern konnte.

Dann hieß es: warten. Lange kam nichts. Ich begann zu zweifeln, ob die Kuh wirklich jeden Abend an derselben Stelle auftauchen würde. Doch um 21.15 Uhr war es plötzlich so weit: Lautlos trat sie aus dem Wald. Sie fraß, hob immer wieder den Kopf, schaute aufmerksam in die Umgebung und ließ sich von meiner Kamera nicht stören. Ich fotografierte, filmte – und wusste: Das Bild war im Kasten.

Am nächsten Morgen marschierte ich mit Cowboyhut in die Redaktion und verkündete stolz: „Iha, Howdy Partner, Chef, wir sind die Einzigen mit einem Bild der verschwundenen Kuh.“ Zunächst erschien der Bericht online, später in der Zeitung. Exklusiv in den OVB-Heimatzeitungen und auf innsalzach24.de.

Wenige Tage danach meldete sich die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Sie wollte das Foto kaufen. Über die dpa ging das Bild dann um die Welt. Zeitungen und Fernsehsender aus Österreich, Frankreich, Großbritannien, die BBC, die New York Times, die türkische Hürriyet und sogar Medien in Neuseeland berichteten über die Ausreißerin.

In Indien, Südafrika und Abu Dhabi war sie ebenfalls Thema. Inzwischen hatte sie ihren endgültigen Namen erhalten: Yvonne. Eine schwer kranke Unterstützerin von Gut Aiderbichl hatte ihn vorgeschlagen, Gründer Michael Aufhauser übernahm ihn. International war sie bald nur noch als „Runaway cow“ bekannt.

Währenddessen versuchten zunächst Mitarbeiter von Gut Aiderbichl wochenlang, die rund 600 Kilogramm schwere Kuh einzufangen. Doch Yvonne hatte sich in den Wäldern rund um Zangberg perfekt angepasst. Bei jedem Geräusch verschwand sie im Unterholz. Unter den Helfern machte bald ein Satz die Runde: „Scheuer als ein Reh und schlauer als ein Fuchs.“

Die Geschichte entwickelte sich zum Sommerloch-Thema schlechthin. Yvonne wurde als „Waldkuh“ oder „Problemkuh“ bekannt. Zuchtbulle Ernst und Stallkollegin Waltraut sollten sie aus dem Wald locken – vergeblich. Sohn Friesi wurde herangekarrt. Aber das interessierte sie nicht.

Und auch der Einfallsreichtum der Boulevard-Presse trug immer seltsamere Blüten. Spiegel-TV rückte an, um ebenfalls Kapital aus der Geschichte zu schlagen. Das Filmteam klammerte sich an jede Information, welche die Konkurrenz noch nicht hatte. Und so kam es auch zu mir und stellte mir die spannende Frage: Wie war das denn jetzt mit dem spektakulären Bild? Filmisch festgehalten, heute noch im Internet abrufbar. Die Bild-Zeitung setzte 10.000 Euro Kopfgeld auf ihre Ergreifung aus. Lebend, versteht sich. Antenne Bayern suchte mit einem Hubschrauber und Wärmebildkamera. Spezielle Rinder-Suchpferde und ein Suchhund sollten ihre Fährte ausfindig machen.

Alles ohne Erfolg. Das Einzige, was die Suchtrupps fanden, waren Fladen der listigen Kuh. Eine Schweizer Tierkommunikatorin behauptete fest, telepathischen Kontakt zu Yvonne und dem Stier Ernst aufgenommen zu haben.

In sozialen Netzwerken entstand schon früh die Bewegung „Rettet Yvonne die Kuh“, der bis heute mehr als 16.000 Menschen folgen. Als das Landratsamt wegen der Nähe zu einer Staatsstraße sogar den Abschuss genehmigte, protestierten Tierschützer lautstark.

Das Abenteuer
endet nach 98 Tagen

Nach 98 Tagen endete das Abenteuer ganz unspektakulär. Der Herdentrieb siegte. Yvonne spazierte auf eine Weide bei Aidenbach in der Gemeinde Ampfing. Das Gatter wurde geschlossen – die berühmteste Kuh Deutschlands war gefangen. Auch damals war ich sofort wieder unterwegs – damit mir ein zweites Mal ein exklusives Bild gelingt. Dieses Mal war allerdings ein anderer Fotograf schneller. Verdammt.

Yvonne durfte anschließend auf Gut Aiderbichl leben. Dort wurde sie mit ihrem Sohn Friesi wiedervereint und verbrachte acht ruhige Jahre, glücklich und zufrieden, auf dem Gnadenhof. Als „Fußball-Orakel“ zur EM 2012 kam sie noch einmal groß heraus. Am 3. September 2019 verletzte sich die damals 14-jährige Kuh allerdings schwer auf der Weide und musste eingeschläfert werden. Damit endete die Geschichte einer Ausreißerin, die fast 100 Tage lang die ganze Welt faszinierte.

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