Es ist Donnerstagnachmittag, als Anwohner Michael Seitz (53) den Bagger hört – und nachschaut. Das Baufahrzeug steht direkt vor dem denkmalgeschützten Handwerkerhäuschen aus dem Jahr 1840 an der Oberen Grasstraße 1. „Ich habe gefragt, was die vorhaben, aber keine Auskunft bekommen“, erzählt Seitz. Nur eine Minute später kracht die Baggerschaufel in die Fassade des Häuschens mit dem Satteldach.
Seitz stellt sich dem Bagger entgegen, geht in das seit zwei Jahren leer stehende Häuschen – und ruft die Polizei. Die zieht die Lokalbaukommission (LBK) und die Denkmalschutzbehörde hinzu. „Nachdem der Baggerfahrer die Baupläne geholt hatte, wurde ein Baustopp verhängt“, berichtet Seitz, selbst Bauunternehmer. Doch die Ruhe währt nur kurz: Am Freitag um 16 Uhr, Seitz ist nicht zu Hause, beobachten Nachbarn das Unglaubliche: Der Bagger macht einfach weiter mit dem Abriss – und er ist schnell. „Innerhalb von neun Minuten war das Haus plattgemacht“, sagt Seitz fassungslos.
Es ist bedeutendes Stück Stadtgeschichte, das nun in Schutt und Asche liegt. Das Handwerkerhäuschen an der Oberen Grasstraße 1 ist im Denkmal-Atlas des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege als Einzeldenkmal eingetragen. Es ist Teil der Feldmüllersiedlung, einer frühen Arbeitersiedlung für Tagelöhner und Handwerker, die zwischen 1840 und 1845 entstand. Das Häuschen bestand aus einem ein- und einem zweigeschossigen Bau, jeweils mit Satteldach. Das Ensemble habe „einen dokumentarischen Wert, der nicht nur für München eine spezielle Besonderheit darstellt, sondern für ganz Bayern und vermutlich darüber hinaus“.
Der Baggerfahrer sucht nach getanem Werk sofort das Weite. Dafür sind Feuerwehr, Polizei und Technisches Hilfswerk (THW) noch bis in die Nacht hinein mit Aufräumarbeiten beschäftigt, und damit, die instabilen Reste des zerstörten Häuschens abzusichern.
Der Abriss hätte nie geschehen dürfen, schimpft Carmen Dullinger-Oßwald (Grüne), Bezirksausschuss-Vorsitzende von Obergiesing-Fasangarten: „Bei der LBK ist am 4. August ein Antrag auf Sanierung des Gebäudes eingegangen“, berichtet sie. Über den Tisch des BA sei das Vorhaben noch nicht gegangen. „Wir sind erbost. Von einem Abriss war nie die Rede.“ Auch die Nachbarn rund um das zerstörte Haus sind empört. Immerhin hatten sie erst Anfang August ein Schreiben erhalten, in dem es hieß, dass „das Gebäude aus Gründen des Denkmalschutzes nach außen wie vorhanden erhalten“ bleibe.
BA-Chefin Dullinger-Oßwald und auch Anwohner Seitz sind sicher, dass hier „aus Profitgier mit krimineller Energie gehandelt“ wurde. Offenbar sei geplant gewesen, Fakten zu schaffen, indem das Haus einfach abgerissen wird. Der Bauträger will sich am Sonntag auf Anfrage nicht zu dem Geschehen äußern.
Auch Joachim Lorenz (Grüne), ehemaliger Umweltreferent und aktuell BA-Fraktionschef, macht sich am Samstag ein Bild vor Ort und kündigt an: „Wir werden die Lokalbaukommission auffordern, drastische Konsequenzen aus diesem kriminellen Vorgehen zu ziehen.“ Hier sei „wieder ein Stück Identität zerstört worden, ein Stück Heimat“, wettert Florian Grüning vom Verein Altstadtfreunde, einer Initiative zum Schutz des baulichen Erbes der Stadt. Grünings Mitstreiter Dieter Klein warnt sogar vor einem Präzedenzfall, der hier geschaffen worden sein könnte. „Wenn das so durchgeht, macht es der Nächste bald auch so.“
Wut und Trauer sind am Wochenende groß in Giesing. So groß, dass Anwohner am Zaun vor dem zerstörten Häuschen eine Todesanzeige angebracht haben. „1. September 2017, durch gewissenlose Grundstücksspekulanten zu Tode gekommenes, unwiederbringlich zerstörtes Stück Obergiesinger Heimat“, steht da. Mit Kreide hat jemand auf den Bagger „Verbrecher!“ geschrieben. Der Pfarrer habe den Abriss am Sonntagmorgen von der Kanzel herab verurteilt, berichten Giesinger. Und: 200 Menschen haben sich schon in die Unterschriftenliste eingetragen, die am Zaun hängt: Die LBK soll dem Bauträger kein weitergehendes Baurecht einräumen.