„Ich hoffe auf den guten Kern des Menschen“

von Redaktion

Gabriele von Lutzau war Stewardess in der „Landshut“, jetzt ist sie Bildhauerin – so verarbeitet sie heute noch die sechs furchtbaren Tage im Jahr 1977

Michelstadt – Gabriele von Lutzau, 63, arbeitet mit Flammenwerfer und Kettensäge. Aus Baumstämmen schafft die Bildhauerin bis zu drei Meter große Skulpturen. Ihre Kunst ist für die ehemalige Stewardess ein Weg, die sechs Tage in ihrem Leben zu verarbeiten, die sie an Bord der „Landshut“ in Händen von Terroristen war. Im Interview spricht Gabriele von Lutzau über Erleichterung, Gebete und den islamistischen Terror.

-Wie war das Gefühl direkt nach der Befreiung durch die GSG-9?

Absolute Erleichterung. Es war eine wirkliche Befreiung. Man schwebt auf einer rosaroten Wolke und fühlt sich unglaublich wohl und ist dankbar. Da war eine ganz tiefe Dankbarkeit in mir.

-Wurden Sie psychologisch betreut?

In den 70er-Jahren war jeder für sich selbst verantwortlich. Es gab niemanden, der ansprechbar war, der „Weiße Ring“ befand sich gerade in der Gründung. Wir haben lediglich einen Fragebogen bekommen, in dem stand „Sind Sie mit dem Täter verwandt oder verschwägert?“ Da habe ich gedacht, ich halte es nicht mehr aus.

-Haben Sie einen Glauben, der Ihnen während der Entführung Halt gegeben hat – oder geht einem in einer solchen Situation der Glaube verloren?

Er kommt grade heraus in einer solchen Situation. Denn im normalen Leben bin ich überhaupt nicht religiös. Ich bin spirituell, also ich empfinde Dinge, ich glaube an das große Ganze, ich habe mit dem lieben Gott überhaupt kein Problem. Ich habe eher ein Problem mit dem Bodenpersonal und mit bestimmten Dogmen. Aber während der Entführung, als es dann soweit war, dass wir eigentlich sterben sollten, da habe ich dann ein Vaterunser gebetet.

-Sie selbst sind dann im Nachgang als „Engel von Mogadischu“ bezeichnet worden…

Na ja, ich höre das seit 40 Jahren, das haben Passagiere gesagt, und die „Bild“-Zeitung hat es aufgegriffen, und ich kann es nicht ändern. Ich sage immer, ich habe meinen Job gemacht, ich habe meine Arbeit ordentlich gemacht. Und nicht mehr und nicht weniger.

-Derzeit ängstigt uns der islamistische Terror. Was empfinden Sie, wenn es wieder neue Meldungen über Anschläge gibt?

Wenn man einmal von Terror berührt worden ist, hat man Narben auf der Seele, spürt man alles viel stärker. Es ist einfach so. Es macht mir große Sorgen. Wir waren damals noch ein Faustpfand, um irgendetwas zu erreichen. Heute geht es bei einem Terroranschlag nur noch ums Töten. Es ist eine Verrohung in unserer Gesellschaft, die mich wirklich erschreckt.

-Was raten Sie Überlebenden oder Angehörigen von Opfern?

Heutzutage würde ich eine Gesprächstherapie empfehlen, das ist etwas, was ich nicht hatte. Deswegen hat es sehr viel länger gedauert. Ich bin eine sehr stabile Persönlichkeit, und deswegen konnte ich damit umgehen. Andere Menschen, die mit mir entführt worden sind, sind daran zerbrochen. Jeder Mensch wird damit anders fertig. Mir hat die Kunst sehr geholfen, da habe ich mich reingestürzt. Es hat mir auch sehr geholfen, dass ich meinen wundervollen Sohn gekriegt habe, direkt nach der Entführung. Die haben mich nicht nur nicht umbringen können, ich habe mich auch noch vermehrt!

-Sie klingen sehr optimistisch. Wie gehen Sie mit traurigen Momenten um?

Ich habe sehr viele Untiefen. Aber ich versuche immer, die heiteren Aspekte meines Lebens zu kultivieren, zu pflegen und zu schützen. Viele meiner Kunstwerke sind ästhetisch schön, aber trotzdem bittersüß. Alle meine Skulpturen haben Risse, und die will ich auch so.

-Gibt es das Böse?

Ich hoffe auf den guten Kern des Menschen. Allein die Erfahrung zeigt mir, dass es gute und schlechte Menschen gibt. Es gibt nur ganz selten Menschen, die durch und durch bösartig sind. Die meisten der Fanatiker waren, bevor sie verblendet wurden, sicher ganz normale Menschen.

Interview: Sabine Just

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