Was tun Radverkehrsbeauftragte aus Hamburg, Wien und der niederländischen Provinz Gelderland, wenn sie sich mit ihrem Münchner Kollegen treffen? Sie schwingen sich auf den Sattel und erkunden die Stadt auf zwei Rädern. ADFC und Green City hatten die Radl-Bosse zum Austausch über die unterschiedlichen Konzepte zur Förderung des Radverkehrs in der Stadt geladen.
Auf der Straße macht München zunächst einen guten Eindruck. „Ich bin begeistert davon, wie viele Radler hier unterwegs sind“, sagt Kirsten Pfaue, die in Hamburg den Radverkehr koordiniert. „Außerdem sind viele verschiedene Radl-Typen unterwegs. Rad-Pendler genauso wie sportliche Tourenradler oder auch Familien mit einem Anhänger für den Nachwuchs.“
So weit so gut, doch der Platz auf den Straßen wird immer enger. „Neben den vielen Radlfahrern ist mir der besonders dichte Autoverkehr aufgefallen“, sagt der Wiener Radverkehrsbeauftragte Martin Blum nach der gemeinsamen Radtour. Er ist überzeugt: „Die wachsende Stadt kann in Fragen der Mobilität nicht einfach so weitermachen wie bisher.“
München teilt seine Verkehrsprobleme mit Hamburg und Wien. Die Metropolen wachsen – und müssen sich fragen, wie sie ihren Verkehr in Zukunft organisieren wollen. Dabei sind die Ziele ähnlich, der Weg allerdings recht unterschiedlich. „In Hamburg hat uns die Politik verbindliche Ziele gesetzt“, erzählt Pfaue. „Jedes Jahr müssen etwa 50 Kilometer neue Radwege entstehen.“ Bisher war die Hansestadt nicht gerade als Radfahrerhochburg bekannt, die Politik will das ändern. „In Hamburg widmen sich gleich mehrere Seiten des Koalitionsvertrags dem Radverkehr“, sagt Pfaue. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz habe das Thema zur Chefsache gemacht. „Wir haben 200 Maßnahmen parallel angestoßen, vom 280 Kilometer langen Veloroutennetz bis zu Abstellanlagen an den S-Bahn-Haltestellen.“
Von solchem politischen Elan können sie in München nur träumen. In der Kooperationsvereinbarung von SPD und CSU findet sich in Sachen Radlförderung lediglich ein Passus zur Rosenheimer Straße. Zwar verfüge die Stadt über ein hervorragendes und lange Zeit beispielgebendes Netz mit Haupt- und Nebenrouten, die müssten aber dringend ausgebaut werden, sagt Florian Paul, der Radverkehrsbeauftragte der Stadt München. Während die Radlhauptstadt sich an einzelnen Projekten versucht, holen Hamburg und Wien durch entschiedenes Handeln und den Blick aufs große Ganze auf. „Wir kommen mit dem Ausbau nicht immer hinterher“, sagt Paul. Das bestehende Netz aus Haupt- und Nebenrouten müsste dringend verbreitert und an die Erfordernisse der immer größer werdenden Zahl von Radfahrern angepasst werden.
Neue Impulse könnte der Blick über die Grenze liefern, in die Niederlande. Die Heimat der Alltagsradler – einen Titel wie Radlhauptstadt brauchen sie dort nicht. Trotzdem hat der Niederländer Sjors van Duren in München Inspiration gefunden – bei der Beschilderung der Radstrecken. „Als ich vor drei Jahren mal hier war, habe ich die Schilder fotografiert, die sind jetzt beispielgebend für unser neues Beschilderungssystem.“
Die Niederlande setzen besonders auf den Bau von Radschnellwegen. „Dabei handelt es sich um bequeme Radwege, auf denen man mit wenig Energie große Distanzen überwinden kann“, erklärt van Duren. Das gelingt durch Vorfahrt für Radler, Brücken und Unterführungen. Zudem würden die Wege parallel zu den Hauptautostraßen geführt – deshalb stünden beide nicht in Platzkonkurrenz miteinander. „Wir versuchen für Radler dieselbe Qualität anzubieten wie für Autofahrer“, so van Duren. Einen ähnlichen Weg will Hamburg gehen und plant ein 280 Kilometer langes Veloroutennetz. Diese Idee könnte beispielgebend für ein stadtweites Radnetz für München sein – die Politik muss es nur wollen.