Sie zwängen sich zwischen Lastwagenreifen, harren stundenlang in der Kälte aus – und die tödliche Gefahr lauert nur wenige Zentimeter unter ihnen auf den Schienen. Alleine in diesem Jahr sind rund 400 Menschen auf Güterzügen nach München gekommen. Die Migranten kommen meist aus Afrika, besteigen Züge in Italien und hoffen auf ein besseres Leben in Deutschland. Gestern hat die Bundespolizei an zwei Münchner Bahnhöfen 24 Personen aufgegriffen.
„Seit ein paar Wochen nehmen die Fälle wieder zu“, sagt Michael Sowa. Der Bundespolizist arbeitet seit 1995 in der Dienststelle am Ostbahnhof. Flüchtlinge auf Zügen kennt er bereits aus Zeiten des Irakkrieges. Seit drei Jahren versuchen wieder mehr Menschen, illegal über die Grenze zu gelangen. „Momentan finden wir jede Woche mindestens einen Migranten, vergangene Woche waren es drei“, erklärt Sowa. Alleine gestern gab es zwei Großeinsätze, am Ende entdeckten die Beamten 24 Afrikaner. Verdreckt, unterkühlt und orientierungslos krochen sie unter den Lastwagenauf- liegern hervor. Laut Sowa sind die Lücken zwischen Lkw-Reifen die beliebtesten Verstecke. Auf den Bodenplatten der Auflieger finden sie Platz und Halt. Weil die wenigsten Migranten wissen, wo sie sich befinden, wenden sich viele an Bahnmitarbeiter oder Polizisten. „Einige kommen freiwillig zu uns, manch einer stellt sich schlafend, um nicht erwischt zu werden. Andere rennen davon“, sagt der 48-Jährige.
Ein Fahrdienstleiter bemerkte gestern gegen sechs Uhr morgens Menschen auf dem Gleis. Zunächst stießen Bundespolizisten auf einen Nigerianer. Er war eine halbe Stunde zuvor mit einem Güterzug aus Verona nach München gekommen. Zur Suche nach weiteren Menschen wurde der Bahnverkehr am Ostbahnhof für rund eineinhalb Stunden lahmgelegt. Am Ende tauchten weitere sieben Afrikaner auf. Nur etwa zweieinhalb Stunden später meldete die Bundespolizei den nächsten Einsatz. Auch am nördlichen Rangierbahnhof wurden Migranten entdeckt. Hier fand die Polizei sogar 16 Menschen, darunter zwei unbegleitete Minderjährige. Sie alle kamen in die Obhut der Landespolizei. Zuvor wurden sie bereits genauestens kontrolliert. „Wir nehmen Fingerabdrücke, um festzustellen, ob die Personen wiederholt eingereist sind oder ob nach ihnen gefahndet wird“, sagt Michael Sowa. Oftmals könne man so auch Reiserouten nachvollziehen.
Sowa befürchtet, dass in den kommenden Tagen vor Wintereinbruch noch mehr Menschen den lebensgefährlichen Weg über die Schienen nehmen werden.