Geschäftsleute im Bahnhofsviertel

„Es sind schlimme Zustände“

von Redaktion

VOn Volker Pfau

Manchmal kommt ein Gast an die Rezeption und fragt ganz entsetzt: „In was für einem Ghetto sind wir hier?“ Keine 200 Meter vom Hauptbahnhof entfernt. Man möge bitte, bitte weder den Namen des Hotels noch ihren Namen schreiben, sagt die Dame am Empfang, die die Geschichte erzählt.

Wie hier berichten Inhaber und Mitarbeiter vieler Restaurants, Hotels, Ladengeschäfte von den Problemen im Viertel. Sie erzählen, möchten aber weder ihren Namen noch ihr Foto in der Zeitung sehen. Man weiß ja nie. Aber dass es in den vergangenen Jahren immer schlimmer geworden sei, das bestätigen fast alle.

Einer, der redet, ist Ahmet H. Erkal, Manager des Hotels Bayer’s. „Bis vor drei, vier Jahren waren wir stolz auf unsere Lage“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Nähe zum Hauptbahnhof sei ein wichtiges Argument für Buchungen gewesen. „Jetzt sieht der Gast Besoffene, Fixer und Bettler und fragt mich: Sind wir hier sicher?“ Das habe inzwischen Auswirkungen. Er zeigt auf die Bewertungsurkunden eines Internet-Buchungsportals an der Wand. 8,7 steht da, 8,8 und 8,9 für die letzten drei Jahre. „Aber für die Lage bekommen wir inzwischen nur noch eine 2,5.“ Das Hotel sei toll, liest er immer öfter, aber die Umgebung sei sehr schlecht.

Besonders problematisch sei es mit dem Parkhaus, in dem die Hotelgäste ihr Auto abstellen und das einen Block entfernt liegt. Da habe er selbst schon Fixer und schlafende Obdachlose angetroffen. Die Situation wirke sich aus: „In diesem Jahr habe ich weniger Gäste als 2016, das geht ins Geld“, sagt Ahmet H. Erkal. Hilfe von den Ordnungshütern erwartet er nicht mehr, „die Polizei ist überfordert“. Er hat Kameras installiert und lässt seinen Hausmeister öfter nach dem Rechten sehen. „Aber keiner weiß sich wirklich zu helfen.“ Die Hotels achten inzwischen penibel darauf, dass nur ihre Gäste ins Haus kommen.

Die Restaurants an der Bayerstraße können dagegen nicht mit Zugangscodes, Chipkarten oder persönlicher Einlasskontrolle arbeiten. Sie sind auf Laufkundschaft angewiesen. „Es sind schlimme Zustände“, sagt Anja Meisel, Sprecherin der Franchisepartner der Filialen von Kentucky Fried Chicken (KFC) in München, „und es hat in den letzten fünf Jahren extrem zugenommen“. Drogen, Prostitution, Bettelei zählt sie auf, dazu Gäste, denen jeglicher Respekt gegenüber den Restaurantmitarbeitern fehle. Sie könne doch nicht jedes Mal die Polizei rufen, sagt sie. Gründe genug gäbe es allerdings: aggressive Bettler, „die den Gästen fast das Hühnchen vom Teller essen“, Zerstörungen in den Toilettenräumen und Spritzen von Drogensüchtigen.

Eric Pietras, Tanzlehrer an der Tanzschule am Deutschen Theater, hat keine Probleme mit ungebetenen Gästen – dafür ein anderes: „Leider benutzen manche eine Mauernische an der Fassade unseres Gebäudes zur Straße hin als Urinal – das stinkt gewaltig.“ Er betont indes, dass bisher noch niemand Probleme auf dem Heimweg gehabt habe, obwohl die Kurse bis nach 22 Uhr dauerten.

Von den Patrouillen, die ab dem Frühjahr im Viertel Präsenz zeigen sollen, erwartet sich Anja Meisel von KFC einiges. Es sei zumindest mal ein erster Schritt. Für sie als geborene Münchnerin sei der Zustand rund um den Hauptbahnhof unerträglich, sagt sie. Aber sie will nicht klein beigeben. „Wir wollen unbedingt hierbleiben!“

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