Bei kaum einem Verkehrsprojekt in München sind sich die Rathausparteien so einig wie bei der U9. Die U-Bahn-Spange zur Entlastung der Innenstadt ist längst erklärter politischer Wille. Dabei wäre zumindest mit sturem Blick auf die Kosten eine Kontroverse nachvollziehbar. Aktuellen Schätzungen der Kämmerei zufolge soll die Verbindung von Implerstraße, Theresienwiese, Hauptbahnhof und Giselastraße bis zur Münchner Freiheit zwischen 2,5 und 3,5 Milliarden Euro kosten. Das ist ein ähnliches Volumen, wie es für den Bau der Zweiten Stammstrecke veranschlagt wurde.
Am Donnerstag erst hatte die Kämmerei den Haushalt im Stadtrat eingebracht. Auch da waren sich alle einig: Die Stadt muss sparen. SPD und CSU werden sich bei den großen Investitionen auf eine Prioritätenliste einigen. „Wir haben viele große Infrastrukturprojekte vor uns“, sagt CSU-Chef Manuel Pretzl. „Alles werden wir uns nicht leisten können, daher brauchen wir eine Priorisierung.“ Wo dort die U9 landen wird, ist offen.
Auf der Wunschliste der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) jedenfalls genießt die Spange bereits seit 2014 oberste Priorität. Die MVG selbst hatte sich bisher nie zu den Kosten geäußert, nun geht man von etwa drei Milliarden Euro aus. Unternehmens-Sprecher Matthias Korte: „Für die Spange besteht ein dringlicher Bedarf. Nur mit der U9 kann der Betrieb im gesamten System langfristig in guter Qualität aufrechterhalten und zusätzlich eine weitere Verbesserung des Angebots realisiert werden.“ SPD-Chef Alexander Reissl würde das so unterschreiben: „Wir haben mittlerweile bei nahezu allen U-Bahnlinien in der Innenstadt unglaubliche Lastspitzen. Wenn wir das nicht in den Griff kriegen, dann kollabiert uns das System.“
Doch wer soll das bezahlen? Die Kämmerei kalkuliert wie berichtet bereits für das Jahr 2018 mit einem Minus von rund 300 Millionen Euro im städtischen Haushalt. Brigitte Wolf (Linke) sagte im Plenum: „Projekte wie die U9 werden wir nie alleine finanzieren können.“
Zum Schlüssel wird das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (GVFG), also Fördermittel des Bundes für den Bau neuer U- oder Trambahnen in den Kommunen. Die Mittel fließen aber bisher leichter, wenn mit den neuen Gleisen Neuland erschlossen wird. Denn ein gewichtiger Faktor für die Zuweisung ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis, was sich verstärkt daran bemisst, wie viele Pendler durch eine neue U-Bahn oder Tram auf das Auto verzichten. „Allzu viele zusätzliche Umsteiger werden wir aber in München nicht mehr generieren“, sagt Reissl. „Wir haben schon einen sehr hohen Anteil, über eine Million Menschen nutzen täglich die U-Bahn.“ Korte ergänzt: „Die Mittel sollten künftig noch zielgerichteter für Erweiterungen gewährt werden können, die Engpässe in bestehenden Netzen reduzieren. Hoch frequentierte Bestandsnetze werden noch nicht in geeigneter Weise berücksichtigt.“ OB Dieter Reiter (SPD) und MVG-Chef Ingo Wortmann würden dies bereits regelmäßig auf politischer Ebene thematisieren.
Thema im Rathaus wird die U9 wohl Anfang nächsten Jahres. OB Reiter sagte unserer Zeitung: „Der Grundsatzbeschluss sollte innerhalb des nächsten Quartals verwaltungsintern abgestimmt sein und dann schnell dem Stadtrat zur Entscheidung vorgelegt werden.“