Kostümverleih hört auf

60 000 Geschichten zum Schnäppchenpreis

von Redaktion

Von Andrea Lindner

Bis oben hin vollgestopft ist der kleine Laden in der Buttermelcherstraße 2a: Perücken, Kleider, Anzüge, Uniformen, Engelsflügel, Umhänge, Jacken und komplette Kostüme. Hera Rauch hat für alles und jeden das perfekte Outfit. Die Schneiderin und leidenschaftliche Kostümverleiherin steht mittendrin, zwischen all den Klamotten und Accessoires. Links von ihr eine große Taucherglocke, rechts eine Ritterrüstung.

An den Wänden stapeln sich Hüte und Masken, auf dem Boden die Schuhe. In kleineren Kistchen sind Schmuck, Brillen und Krawatten sortiert. Der Laden wirkt voll, unübersichtlich und ein wenig chaotisch. Doch Hera Rauch weiß genau, wo sich welches Teil befindet: „Bei 60 000 Einzelteilen musst du den Überblick behalten!“, sagt sie. „Jedes Teil hat seinen festen Platz.“

Seit 17 Jahren verleiht Hera Rauch Kostüme und schicke Abendgarderobe. Ihr Laden, direkt am Gärtnerplatz, hat die perfekte Lage. Ihre Stammkunden kamen oft vorbei. Egal ob Fernsehkoch Alfons Schuhbeck, Choreograf Bruce Darnell oder Fußballer Bastian Schweinsteiger. „Der Schweini war regelmäßig da. Die haben doch immer so verrückte Partys!“, erzählt Rauch. Sie alle haben sich bei ihr Kostüme oder Outfits für besondere Anlässe ausgeliehen. Davon zeugen Autogramm-Karten an der Wand über dem Schreibtisch. „Die werden natürlich nicht verkauft“, sagt die Kostümverleiherin mit einem Zwinkern und pustet ein wenig Staub von den Karten.

Alles begann mit einer kleinen Schneiderei, die Hera Rauch nach ihrer Ausbildung und der Arbeit als Konfektionsschneiderin in der Buttermelcherstr. 2a eröffnete. „Oft gab es da nur Änderungen zu machen oder Reparaturen“, erinnert sie sich. „Das war mir nach einiger Zeit viel zu langweilig!“ Ihr fehlten die Herausforderungen. So fing sie nach und nach mit dem Verleih an. Zuerst waren es nur ein paar Kostüme, dann kamen immer mehr dazu – mittlerweile ist der Laden eine Institution.

So glücklich war Hera Rauch mit ihrem Verleih, dass sie sogar mehrmals Angebote von Rudolph Moshammer ablehnte. „Der wollte mich immer als Schneiderin“, sagt sie und lächelt.

Doch nach 17 Jahren Kostümverleih steht Rauch der Sinn nach Neuem. Die Geschäftsfrau will ihren Laden nun schließen. „Ich möchte reisen und wieder mehr Zeit für meine Hobbys haben“, sagt sie. „Ich habe wirklich viel gearbeitet. Und ich höre mit Freude auf.“ Bis 15. Dezember verkauft sie nun alle Kostüme, Kleidungsstücke und Accessoires aus ihrem Laden. Von den 60 000 Teilen sind im Moment noch 20 000 da. „Jeden Tag werden es weniger. Abends hab ich hier seit September jeden Tag die Bude voll“, erzählt Rauch begeistert.

„Es tut gut, alles zu verkaufen und die Kunden noch ein letztes Mal glücklich zu machen“, sagt Rauch. „Aber ein bisschen schwer fällt es mir bei dem einen oder anderen Teil schon.“

So schnell wird sie die Kunden und ihre Kostüme nicht vergessen, denn sie verrät: „Ich möchte ein Buch schreiben, mit all den Geschichten, die ich hier im Laden erlebt habe.“ Sie sieht sich um, deutet auf ein Priesterkostüm. „Ach Gott, das werde ich nie vergessen“, erzählt sie schmunzelnd. „Eines Tages rief ein junger Mann an und wollte unbedingt ein Priesterkostüm.“ Hera Rauch wunderte sich zwar, reservierte es aber für ihn. Der braun gebrannte Kunde kam kurz darauf in den Laden – und erzählte, seine Eltern wollten ihn verkuppeln, wahrscheinlich, damit er wieder nach Hause komme. Er wolle den Eltern sagen, er habe sich in Australien zum Priester weihen lassen und könne nun nicht mehr heiraten. Hat es geklappt? „Ja, auf jeden Fall“, sagt Rauch lachend. „Er hat seine Eltern wohl so geschockt, dass sie sprachlos waren und nie wieder mit dem Thema ankamen. Er ist dann wieder zurück nach Australien.“ Bis heute rätselt Rauch, ob der junge Mann den Eltern wohl jemals die Wahrheit gesagt hat.

Das Priesterkostüm ist kein Einzelfall. Zu fast jedem Teil in ihrem Laden fällt Hera Rauch eine Geschichte ein. Mehr will sie aber nicht verraten. „Der Rest kommt in mein Buch“, sagt sie stolz und streicht das Priestergewand glatt.

Für den 15. Dezember, den letzten Tag, hat sich Hera Rauch noch etwas Besonderes einfallen lassen: „Es wird eine große Party geben. Mit Prosecco und Weihnachtsmusik. So kann noch jeder sein perfektes Kostüm für Fasching finden.“ Ab 50 Euro gibt es nun also komplette Kostüme. Die meisten hat Rauch selbst geschneidert. „Alles Unikate“, sagt sie stolz. Neben Trend-Kostümen aus jeweils aktuellen Kinofilmen wie „Gatsby“ oder „Spider-Man“, war ihr Kostümverleih auch immer für aufwendige Barock- und Rokoko-Kleider bekannt.

Ein Lieblingskostüm hatte Rauch nie. „Ich finde sie alle toll! Mit ging es immer nur darum, das Passende für den Kunden herauszusuchen und ihn glücklich zu machen“, erzählt sie. Kam ein Kunde mit einem Stichwort in den Laden, hatte sie gleich zehn Ideen. Die werden ihr wohl auch im künftigen Leben nie ausgehen.

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