Nach Sprengstoff-Räumung in Freimann

Leben unterm Damoklesschwert

von Redaktion

Von Martina Williams

Um diese Zeit sollte Melitta Meinbergers Terrasse längst mit Lichterketten geschmückt sein, wie in den vergangenen Jahren. Doch dort, wo einst die Terrasse war, wo ihr Garten mit Obstbäumen und Holzhäusl lag, klafft seit März eine Grube voll Kies und Erde. Vor neun Monaten wurden auf dem Grundstück der 73-Jährigen in Freimann 15 Tonnen Weltkriegsmunition gefunden und entschärft. Seitdem hängt eine Frage wie ein Damoklesschwert über Melitta Meinberger: Wer kommt für die immensen Kosten auf – und wie viel muss sie selbst übernehmen? Es geht schließlich um rund eine Million Euro.

Bei Grabungen am 3. März fand eine Firma am Zwerg-ackerweg den hochexplosiven Bombenschrott (wir berichteten). Eine Sperrzone wurde errichtet, etwa 200 Bewohner mussten evakuiert werden. Erst am 10. April durften alle wieder zurück in ihre Häuser. Seitdem wurden Schäden an den Häusern ausgebessert, Fassaden gereinigt, Kaputtes ersetzt. „Nur bei mir wurde nichts repariert. Die Arbeiter haben gesagt, sie dürfen bei mir nichts machen“, berichtet Melitta Meinberger. „Aber ich bin doch nicht Schuld, dass hier ein Sprengsatz lag!“

Im Jahr 1950 hatten ihre Eltern das Grundstück als Baugrund von der Bayerischen Landessiedlung gepachtet. „Zehn Jahre danach wurde es übereignet“, sagt Meinberger. Wieder 52 Jahre später, 2012, wurde beim Abriss des Nachbarhauses ein riesiges Löschbecken mit Munition im Erdreich entdeckt. Seitdem wusste Melitta Meinberger, dass unter ihrem Garten Granaten und Sprengsätze liegen.

In welchem Ausmaß, offenbarte sich am 3. März. Im Verlauf der folgenden Kampfmittelräumung wurde ihr Garten zu einer etwa 20 Meter langen und sechs Meter tiefen Grube. Sie ist inzwischen wieder verfüllt – aber nur bis 60 Zentimeter unter dem früheren Niveau. Zu ihrer Terrasse muss Meinberger auf einer provisorischen Holztreppe hinaufsteigen.

„Als Eigentümerin müsse ich den Rest übernehmen, hieß es“, erzählt die 73-Jährige. „Wie soll ich das bezahlen?“ Die 73-Jährige hat sich erkundigt: „Allein um Betonplatten auf die etwa sieben mal acht Meter breite Fläche hinter der Garage zu verlegen, sind rund 13 000 Euro fällig“, sagt sie. Zwei neue Lichtschächte unter den Fenstern kosten 3300 Euro. „Da sind Terrasse und Garten noch gar nicht dabei!“

Richtig Angst aber bekommt die 73-Jährige, wenn sie an den Termin Anfang August im Kreisverwaltungsreferat zurückdenkt, zu dem sie ihr Anwalt Florian Englert begleitet hat. „Es hieß, sie wissen noch nicht, was ich bezahlen muss“, berichtet Meinberger. Rund 1,5 Millionen Euro hat die Stadt vorgestreckt, um alles zu bezahlen – von der Kampfmittelbeseitigung über die Evakuierung bis zur Unterbringung der Anwohner. Der Stadtrat hat am 5. April beschlossen, dass München rund 500 000 Euro für Hotels und Sicherheitskosten übernimmt. Bleibt gut eine Million Euro übrig. „Das Geld will die Stadt zurück“, sagt Melitta Meinberger. „Aber doch nicht von mir! Selbst wenn ich mein Haus verkaufe, in dem auch meine Tochter und ihre Familie wohnen, reicht das nicht.“ Jetzt hofft sie auf ihren Anwalt und darauf, dass sie 2018 die Bombengeschichte endlich begraben kann.

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