Geboren im Polizeiauto

Das Funkstreifen-Baby wird 60

von Redaktion

von stefanie wegele

In Pantoffeln und schnell übergeworfener Kleidung ist Josef Schuder im Winter 1957 in den frühen Morgenstunden von der Caracciolastraße aus zur nächsten öffentlichen Telefonzelle gerannt. „Es hatte Schneegestöber“, erinnert er sich auch 60 Jahre später noch. Seine Frau Annemarie lag zu Hause in den Wehen. Gegen Mitternacht hatten sie eingesetzt. „Es wurde immer schlimmer“, erzählt die heute 83-Jährige. „Ich wollte am nächsten Tag mit der Trambahn in die Klinik fahren, aber mein Mann hat gesagt, er holt jetzt das Rote Kreuz.“ Als der heute 87-Jährige dann in der Telefonzelle an der Schleißheimer Straße stand, fiel ihm allerdings die Nummer des Rettungsdienstes nicht mehr ein. Er wählte den Polizeinotruf.

Dann ging alles ganz schnell. Die Zentrale rief nach Isar 9 und gab durch: „Fahren Sie in die Caracciolastraße 5, eine Frau steht kurz vor der Entbindung. BRK folgt.“ Im Dienst waren damals Sicherheitskommissär Rudolph Klein und Sicherheitswachtmeister Siegfried Leutner. An der angegebenen Adresse lief der werdende Vater aufgeregt vor dem Haus auf und ab. Auf das Rote Kreuz wollte er nicht warten, lieber schnell in die Klinik. Also halfen die Polizisten der damals 27-jährigen Annemarie in den Funkstreifenwagen. „Mein Kollege ist gefahren, dass mir ganz schwindlig wurde“, erzählt der 87-jährige Siegfried Leutner heute. Damals war er gerade erst seit ein paar Tagen bei der Funkstreife. Im Fond des Autos lag Annemarie in den Armen ihres Mannes. Die Wehen wurden immer schlimmer. „Sie hat mir so fest in den Daumen gebissen, dass er ganz blau wurde“, erzählt Josef Schuder. Die Beamten rasten mit Blaulicht und Sirene zum Mütterheim in der Taxisstraße. Doch das Baby wollte nicht mehr warten. Vor der Krankenhaus-Tür erblickte der kleine Robert am 26. November 1957 auf der Rücksitzbank des Funkstreifenwagens Isar 9 das Licht der Welt.

Der heute 60-jährige Robert Schuder kann sich freilich an nichts mehr erinnern. Der Diplom-Verwaltungswirt ist aber stolz auf seinen außergewöhnlichen Geburtsort.

Auch, wenn es nicht oft vorkam, waren Polizisten damals übrigens auf derartige Einsätze vorbereitet: Funkstreifen-Beamte besuchten damals auch Geburtshelfer-Kurse.

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