Der Münchner Musiker Willy Michl hat eine ganz besondere Beziehung zur Isar. Sie ist für ihn ein zutiefst mystischer Ort. Nicht umsonst nennt sich der 68-Jährige „Isarindianer“. Lederhemd, Leggins, Mokassins – und natürlich seine Gitarre. So kennt man den Willy, der im Lehel aufgewachsen ist. Ein Gespräch über Michls heilige Göttin.
-Herr Michl, was bedeutet die Isar für Sie?
Die Isar ist seit Jahrtausenden maßgebliche Lebensader der wundervollen Regionen vom Karwendel durch ganz Bayern bis nach Deggendorf zur Donau. Für mich ist sie ein heiliges Wesen, man kann auch sagen, eine Göttin, zu der ich bete und die mein Gebet und mein Lied hört und liebevoll beantwortet. Von der Isar bekam ich das Lied „Isarflimmern“.
-Ein Song, der für viele Münchner zu einer Art Isarhymne geworden ist.
Ja, den kennt der Münchner! Und für mich markiert der Song eine bedeutende Phase meines Lebens – neben anderen Liedern wie „Blues goes to mountain“ wurde das Isarflimmern zur Grundlage meiner Karriere.
-Woher kam die Inspiration für den Song?
Von Kindheit an habe ich die Sommer an der Isar verbracht – und die Winter auch! An den Ufern brannten und brennen auch heute noch meine Feuer. Die Isar ist wie alle Flüsse dieser Erde in einer unauflöslichen Vereinbarung mit Gott – ich sage allerdings „Großes Geheimnis“. Sie sammelt alles Wasser, das aus den Bergen und den umliegenden Landen kommt, durch die sie fließt. Das Wasser, das vom Himmel regnet. Und die Isar trägt es zum Meer. Deshalb mündet sie in die Donau, einen mächtigen Strom, der diese schwere Arbeit dann zum Ziele führt. Wer einmal die Isar in einem Kanu oder Schlauchboot befahren hat, weiß, wovon ich spreche.
-Die Isar als ewiger Fluss – wie sieht denn ihre Zukunft aus?
Mei, die ist ja vorauszusehen: Die Isar wird ohne Unterlass weiterfließen – und es wird ein Tag kommen, da es keine Menschen mehr an ihren Ufern gibt. Ja, aber auch dann wird die Isar ihren uralten Vertrag einhalten, mit den Geistern, den Bewahrern der Himmelsrichtungen, mit „Großes Geheimnis“. Und sie wird im Kreislauf der Natur ihre gegebene Aufgabe erfüllen. Sie ist Heim so vieler Tiere und Pflanzen, sie versorgt das Land und befruchtet mit ihrem Leben die Erdoberfläche. Da kann ich gar nicht anders: Ich sehe ihre Wesentlichkeit und ihr Tun als hochheilig an.
-Sie sind ein spiritueller, sehr unkonventioneller Mensch. Erklären Sie uns die Philosophie des Isarindianers.
Ich sehe mich nicht als Krone der Schöpfung, sondern als ein Teil derselben. Deshalb kann ich auch das Wesen des Flusses begreifen. Ich bin Freund und Verwandter der Tiere, und aller Wesen, die am Fluss und im Lande leben. Ich sehe die Isar, und ich träume davon, ihr nachzueifern. Manchmal gelingt es mir, so zu sein. Und manchmal bin ich wie dieser Fluss, der in den Bergen entspringt und der das Land durchfließt – in einer Schlangenlinie, eine große flimmernde Schlange. Ich liebe diesen Fluss, hier ist meine Heimat, und wenn ich auf die andere Seite der Zeit gegangen bin, werden meine jüngeren Brüder mich und mein Herz an der Biegung des Flusses in der festgelegten geheimnismäßigen Weise begraben.
-Der Geist des Isarindianers ist nur leider nicht sonderlich präsent derzeit. Wer an einem sonnigen Wochenende an die Isar kommt, traut seinen Augen bisweilen nicht.
Ja, leider. Und ich möchte Euch, die am Fluss Freude, Erholung und auch Vergnügen suchen, eindringlich wissen lassen: Bitte schützt den Fluss! Seine Ufer, seine Wasser, seine Reinheit. Werft keinen Abfall, keine Kronenverschlüsse von Bierflaschen, keine Glas- und Plastikflaschen oder Alu-Bierdosen in die Isarauen oder auf den Kies. Und nehmt das, was Ihr dorthin bringt, wieder mit. Entsorgt Euren Müll nachhaltig und vernünftig! Die Isar gibt allen, die sie lieben, Freude und Glück! Wenn man etwas nimmt und bekommt, muss man dafür auch was zurückgeben!
-Sie beschreiben die Isar wie ein lebendiges, fühlendes Wesen
Ich kann es nur wiederholen: Haltet die Ufer der Isar sauber, respektiert und ehrt das Leben aller dort wohnenden Tiere. Und wenn Ihr Feuer macht, dann sollt Ihr dort beim Feuer verweilen, bis die Feuer zur Asche geworden sind. Verwendet keine Einweggrills, keine Plastikteller, und zerdeppert keine Glasflaschen. Werdet ein Teil des Flusses, werdet Isarindianer, die von der Isar geliebt und gestärkt werden. Alles, was Ihr dem Fluss gegeben habt, wird auf jeden, der dies tut, auch wieder zurückkommen. Das ist ein uraltes Gesetz des Großen Geistes.
Interview: Oliver Menner