Analphabetismus

Endlich Licht im Buchstaben-Dschungel

von Redaktion

Von Andrea Lindner

Christina arbeitet in einem Zoogeschäft in München. Nicht, weil das ihr Traumjob ist, sondern weil sie hier selten etwas lesen muss. Christina ist Analphabetin. Ihr Chef weiß nichts von ihrem großen Problem. „Bei E-Mails von ihm versuche ich durch Nachfragen das Anliegen herauszufinden“, erklärt die 30-Jährige. Aus Scham will sie ihren Nachnamen nicht preisgeben. Sie ist Deutsche und hat zehn Jahre eine Schule in München besucht. Trotzdem kann sie nicht richtig lesen und schreiben. Egal, ob das Formular beim Arzt oder Zeitschriften am Kiosk – sie kann nichts davon entziffern.

So wie der Münchnerin geht es 7,5 Millionen Erwachsenen in Deutschland. Das sind 14,7 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung zwischen 18 und 64. Diese Menschen lesen und schreiben höchstens auf Grundschulniveau. Sie sind funktionale Analphabeten. Das bedeutet, dass sie zwar einzelne Wörter lesen und schreiben können, aber keine Texte. Eine Studie der Uni Hamburg zeigt: Funktionaler Analphabetismus ist kein Randproblem – es betrifft jeden siebten Erwachsenen.

„Ein Problem: Viele wissen gar nicht, was funktionale Analphabeten sind“, sagt Jan-Peter Kalisch vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung. „Sie denken dabei nur an Menschen, die gar nicht lesen und schreiben können.“ Funktionaler Analphabetismus liegt laut Definition vor, wenn die Schreib- und Lese-Kenntnisse einer Person niedriger sind als die in der Gesellschaft erforderlichen und als selbstverständlich vorausgesetzten. In Deutschland sind das Menschen, die längere Texte nicht verstehen.

Kalisch ist sich sicher: „Viele haben Kontakt mit Betroffenen, wissen aber gar nichts von der Problematik oder wie sie helfen können.“ Fundierte Informationen und eine breite Aufklärung über Hilfsmöglichkeiten in der Öffentlichkeit fehlen.

Außerdem verstecken die Betroffenen ihre Probleme sehr gut. Weil funktionale Analphabeten oft für dumm oder faul gehalten werden, tun sie alles, um nicht entlarvt zu werden. Auch Christina versucht mit viel Energie ihre Schwächen zu verbergen: Im Restaurant zeigt sie auf die bunten Bildchen in der Speisekarte. Den Führerscheinbogen hat sie komplett auswendig gelernt, erzählt sie. Typische Ausreden von Betroffenen sind „Brille vergessen“ oder „Hand verstaucht“, berichtet Kalisch. Oder: „Die Betroffenen nehmen Unterlagen mit nach Hause und lassen sich von der Familie oder den Freunden helfen.“ Die einzige Lösung: Alphabetisierungs-Kurse.

„Der E-le-fant…“, liest Christina. Sie zögert. „..des Zirkus!“, ruft sie dann freudig. Sie hat den Genitiv richtig erkannt. Heute stehen die Fälle auf dem Stundenplan des Lese- und Schreib-Kurses der Volkshochschule München. Christina ist 30 Jahre alt – und doch lernt sie erst jetzt richtig lesen und schreiben. Seit sechs Monaten büffelt sie mit neun anderen, was der Rest der Gesellschaft bereits in der Kindheit gelernt hat.

Christina verlor früh den Anschluss in der Schule. Sie wiederholte die erste Klasse, quälte sich durch die Grundschule, und in der Hauptschule wurde es auch nicht besser. Bei den Lehrern galt sie immer als „zu blöd“. Die zehn Schuljahre waren schließlich vorbei und Christina wurde ins Leben entlassen, ohne richtig schreiben und lesen zu können. „In der Schule wurde ich oft ausgelacht und gehänselt, wenn ich vorlesen musste“, sagt Christina. Deswegen hatte sie lange Angst vor einem Alphabetisierungskurs.

„Menschen, die trotz Schulbesuch nicht richtig lesen und schreiben gelernt haben, schämen sich häufig. Sie denken, sie seien die einzigen Betroffenen“, sagt Kalisch. Er kennt viele solcher Schicksale. Das Hauptproblem und die Herausforderung seiner Arbeit sei es deswegen, die Menschen zu erreichen und ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen, etwas an ihrer Situation zu ändern. Oft ziehen sich Analphabeten aus der Gesellschaft zurück. Derzeit besuchen maximal 30 000 Lernende einen Kurs. „Bei 7,5 Millionen Betroffenen ist das viel zu wenig“, findet Kalisch. Er und seine Kollegen versuchen mit Kampagnen auf das Thema und die Kurse aufmerksam zu machen. Kurse, die zum Beispiel von Volkshochschulen angeboten werden und sich speziell an erwachsene Analphabeten wenden.

Funktionaler Analphabetismus zieht sich durch alle gesellschaftlichen Gruppen. Trotzdem kommt es zu einer Häufung bei Menschen mit keinem oder einem unteren Bildungsabschluss. „Studien belegen immer wieder, dass der Bildungsstatus in Deutschland sozial vererbt wird“, sagt Kalisch. So war das auch bei Christina: Ihr Vater, Stahlarbeiter, hat ebenfalls Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. „Mit Sprache hat bei mir in der Familie keiner was am Hut“, erzählt die 30-Jährige.

Überraschend ist jedoch, dass trotz der Probleme viele Betroffene einen Schulabschluss haben. Laut der Studie der Uni Hamburg 80 Prozent. 60 Prozent der funktionalen Analphabeten arbeiten. Die meisten im Baugewerbe, in der Gastronomie oder der Gebäudereinigung. „Meistens muss ich putzen und Regale einräumen. Bestellungen mache ich nur am Telefon“, erzählt Christina von ihrem Job im Zoogeschäft. Wenn sie doch mal etwas lesen oder schreiben soll, findet sie Ausreden.

Viele Analphabeten sind sehr clever. Im Beruf bleiben sie aber oft weit unter ihren Möglichkeiten. „Viele Betroffene haben sich über Jahre ein Geflecht an Vermeidungsstrategien angeeignet“, sagt Kalisch. „Aber die Strategien tragen nicht zur Lösung des Problems bei.“ Umso wichtiger sei es deshalb, möglichst viele Betroffene in einen Kurs zu vermitteln. „Dabei geht es um so viel mehr als eine korrekte Rechtschreibung. Es geht um gesellschaftliche Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben“, sagt Kalisch und erklärt: „ Dabei können auch kleine Fortschritte schon große Veränderungen im Selbstwertgefühl bringen.“

Auch Christina bekommt das Lesen inzwischen schon viel besser hin. Sie liest ihren Text für das Abschlussmagazin des Kurses vor: „Mit meiner Taschenlampe versuchte ich, Licht in den Buchstaben-Dschungel zu bekommen. So viele Fragen rauschen mir durch den Kopf. Am Ende gelang es mir.“

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