Sie haben Leben gerettet, Betrüger überführt und Sex-Tätern Einhalt geboten: 29 couragierte Bürger aus ganz Bayern haben gestern in München die Medaille für Verdienste um die innere Sicherheit erhalten. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) würdigte damit ihren Mut, ihre Entschlossenheit – und die Bereitschaft, für andere einzutreten.
Trio schützt Mädchen vor Sex-Attacke
Drei von ihnen sind Hans Zink (80), Amilcar Alves Saraiva (36) und Andreas Feldschmied (33). Der Architekt, der Sales Manager und der Software-Entwickler fahren gerade mit der U6 Richtung Harras. An der Tür bemerken sie einen Mann und ein völlig aufgelöstes, weinendes junges Mädchen. „Erst dachte ich, das sei ein Beziehungsstreit“, erzählt Zink. Der Mann habe das Mädchen immer wieder berührt und umklammert. „Ich habe gesagt, er soll das Mädchen in Ruhe lassen. Da hat er mich angeschrien: Shut up!“ Gemeinsam mit Feldschmied und Saraiva halten sie den Mann von dem Mädchen fern und rufen die Polizei. Die nimmt den vermutlich psychisch Gestörten am Harras fest.
Seniorin überführt Trickbetrüger
Als das Telefon klingelt an jenem Tag im November 2016, ahnt Johanna Rast (80) nicht, dass sie heute noch Verbrecher jagen wird. Die pensionierte Gymnasiallehrerin für Mathematik und Sport hebt den Hörer ab – und hat ihren Bankberater am Apparat. Angeblich. Tatsächlich ist es ein Betrüger, der versucht, ihr im Zuge weiterer Telefonate die EC-Karte samt Geheimnummer abzuluchsen. „Ich habe sehr schnell gemerkt, dass das Betrüger sind“, erzählt die Seniorin. „Ein bisschen logisches Denken hilft, und das kann ich ja als ehemalige Mathematik-Lehrerin“, sagt sie augenzwinkernd.
Rast ruft die Polizei – und hilft ihr anschließend, den Täter zu überführen. Indem sie dem Ganoven am Telefon vorgaukelt, ihn zur EC-Karten-Übergabe daheim zu erwarten. In der Zwischenzeit haben sich die Ermittler im Treppenhaus versteckt. Rast hatte mit ihnen ein Losungswort vereinbart, um sie an der Haustür vom Betrüger unterscheiden zu können. „Das Losungswort war Weihnachten. Weil bald Weihnachten war“, erzählt sie. Schließlich klingelt es. Rast öffnet – und die Polizei stürmt aus ihrem Versteck. „Wie sich herausstellte, hatte der Betrüger sein Auto direkt hinter dem zivilen Polizeiwagen geparkt“, erzählt Rast amüsiert. Im Auto saß sein vielfach vorbestrafter Kompagnon – mit einer langen Liste von Namen, die die beiden Telefontrickbetrüger anrufen wollten. „Mir war es wichtig, dass die Betrüger gefasst werden. Damit andere nicht auf sie hereinfallen können.“
Pasingerin legt sich mit Fast-Mörder an
Hatte sie keine Angst? „Nein. Das Adrenalin war stärker. Ich habe in diesem Moment nur an die Frau gedacht“, sagt Petra Amann (55). Die Sachbearbeiterin ist gerade in ihrer Wohnung, als sie aus dem Innenhof Hilfeschreie hört. „Ich rannte zur Haustür raus und sah die Frau blutüberströmt am Boden liegen.“ Neben ihr ein Mann, der auf sie einschlägt und -tritt – ein Beziehungsdrama, der Mann war der Lebensgefährte der Frau. „Ich bin sofort dazwischengegangen und habe gesagt: Was soll das?“, erzählt Amann. „Daraufhin hat der Mann geschrien: Ich bring’ sie um!“ Amann schaut ihn furchtlos an und droht: „Nichts machst du, damit das klar ist!“ Der Mann reagiert erschrocken – offenbar hat er nicht mit Gegenwehr gerechnet. Zwischenzeitlich sind andere Nachbarn auf die Situation aufmerksam geworden. Bis zum Eintreffen der Polizei halten Amann und ihre Nachbarn den Mann fest. Außer Petra Amann wurde im Zusammenhang mit dieser Tat auch Siegward Saße mit der Medaille ausgezeichnet: Denn der Täter hatte zuvor in einem Park in Aubing versucht, die minderjährige Tochter umzubringen, die er gemeinsam mit der Frau hatte. Saße rettete das Mädchen.
Schüler riskiert sein eigenes Leben
Philipp Becker, damals 17 Jahr, ist im November 2016 am Odeonsplatz eingeschritten, als zwei Schläger versucht haben, zu flüchten. Die beiden Brutalos hatten zuvor in der U-Bahn zwei Passagiere angegriffen. „Ich sah einen der Täter flüchten, das Opfer rannte hinter ihm her und bat mich, den Täter bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten“, erzählt Becker. Der heute 19-Jährige fackelt nicht lange. Er setzt dem Täter nach und hält ihn fest – bis er plötzlich einen Schlag auf den Kopf spürt: Der Kumpane des Täters hat ihm eine Flasche über den Schädel gezogen. Becker geht zu Boden. Er erleidet zahlreiche Schnittwunden im Gesicht, von denen noch heute Narben zeugen. Zwei Tage muss Becker zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben.
Bereut er sein Eingreifen? „Auf keinen Fall. Ich würde auch heute wieder helfen, wenn jemand in Not ist“, sagt der Business-Management-Student. „Allerdings würde ich beim nächsten Mal vorher die Lage besser analysieren.“
Informatiker schützt Frau vor Räuber
Samuel Maurus (33) ist nach einem Vortragsabend auf dem Heimweg. Er radelt flott, da hört er laute Schreie etwa 50 Meter hinter sich. Der Informatiker dreht um – und sieht, wie ein Räuber versucht, einer Frau die Laptop-Tasche zu entreißen. Sofort gehen er und ein weiterer Passant dazwischen und halten den Räuber fest. „Natürlich war ich aufgeregt, der Mann war sehr aggressiv. Aber ich glaube, mir hätte man auch geholfen, wenn ich in der Situation gewesen wäre“, sagt der gebürtige Australier. Außerdem sei er ja nicht allein gewesen. „Gemeinsam ist man stärker.“
44-Jährige verfolgt Messer-Räuber
Karen Friedrichs radelt gerade nach Hause. „Hilfe, Überfall!“, hört sie aus einem Kiosk an der Plinganserstraße. Fast im selben Moment sieht sie, wie der mit einem Messer bewaffnete Täter das Weite sucht. Die 44-Jährige verfolgt ihn mit dem Rad bis zu einem Innenhof, in dem er verschwindet. Friedrichs wartet – und siehe da: Etwa 15 Minuten später kommt auf der anderen Seite des Hofs ein Mann heraus. „Ich dachte, das könnte er sein.“ Das Messer hatte der Mann im Hof versteckt. Friedrichs folgt ihm in sicherer Entfernung, ruft die Polizei und macht diese auf den Mann aufmerksam, der sich tatsächlich als Täter entpuppt. „Zivilcourage hängt auch von den Umständen ab. Ich weiß nicht, ob ich in jeder der Situationen geholfen hätte, die ich heute hier gehört habe.“