Die Spur der falschen Polizisten

von Redaktion

von andreas thieme

Sie haben keine Bank überfallen und kein Casino ausgeraubt. Nein, diese Männer haben ihre Beute bei Münchner Senioren gemacht.

Am Landgericht hat gestern der Prozess um eine Bande falscher Polizisten begonnen. Die Staatsanwaltschaft ist sicher: Die sieben Angeklagten haben sich das Vertrauen der Rentner erschlichen, um sie anschließend unter Druck zu setzen und abzuzocken. Insgesamt 585 000 Euro beträgt der Schaden laut Anklage. Zurück blieben verängstigte Senioren, die teilweise ihr gesamtes Vermögen verloren haben.

Doch in diesem Fall hat die Staatsanwaltschaft einem ganzen Betrügerring das Handwerk gelegt. Mittels Telefonüberwachung, Stimmenvergleichsgutachten und den Aussagen der Opfer gelang es, genug Beweise zusammenzutragen. Die Angeklagten wurden Ende August 2017 in München verhaftet.

Von der Türkei aus sollen Hintermänner in fünf Fällen Münchner Senioren zunächst angerufen haben. Die Nummer hatten sie aus Telefonbüchern. Sie gaben sich als Polizeibeamte aus. Ihre Masche: Es handle sich um einen Notfall – angeblich seien die Personalien der Senioren auf einer Liste möglicher Einbruchsopfer gefunden worden. Sogar die Bank, so die falschen Polizisten, arbeite mit diesen Verbrechern zusammen. Deshalb sollten die Senioren ihre Wertsachen zusammenpacken. Ein Beamter hole diese bei ihnen zu Hause ab.

Doch das war alles dreist gelogen. Denn tatsächlich steckt ein ausgeklügeltes System hinter der Masche der falschen Polizisten: Von der Türkei übernehmen sogenannte Keiler die Anrufe nach Deutschland, halten Kontakt zu den betagten Opfern und setzen sie oft massiv unter Druck, teilweise über Stunden hinweg. Drei Logistiker stehen danach in Kontakt zu den Abholern und koordinieren die Geldübergabe. Anschließend passen Geldabholer-Teams, in der Regel zwei Personen, die Senioren zu Hause ab und nehmen die verpackten Wertsachen mit.

Eine Masche, die immer mehr Profit für die Betrüger abwirft: Waren es 2015 noch 31 Vorfälle mit acht vollendeten Taten, bei denen falsche Polizisten insgesamt 70 000 Euro Beute machten, stieg die Zahl 2016 bereits auf 290 Vorfälle und 18 vollendete Taten mit 220 000 Euro Beute. Im vergangenen Jahr explodierten die Zahlen förmlich auf 3200 Vorfälle und 40 vollendete Taten. Beute insgesamt 4,3 Millionen Euro.

Laut Anklage gab es im aktuellen Prozess fünf Vorfälle in München, einen in Gräfelfing und einen in Frankfurt. Vor Gericht stehen zwei Logistiker und fünf Abholer. Letztere haben in einem Fall 500 000 Euro Beute gemacht. Das Opfer: eine damals 68-jährige Frau. Rund 2500 Euro pro Person sollen die Täter pro Auftrag für ihre Dienste kassiert haben. Und doch sind sie wohl nur die Handlanger eines Systems, dessen Köpfe in der Türkei sitzen – und dadurch kaum belangt werden können. Denn zwischen der Türkei und Deutschland besteht aktuell eine Vereinbarung, dass eigene Staatsangehörige nicht ausgeliefert werden müssen. Auch die gegenseitige Rechtshilfe gilt als schwierig. Dennoch drohen den Angeklagten im Prozess lange Haftstrafen, die auch abschreckende Wirkung haben sollen.

In einem anderen Prozess vor dem Landgericht München II stehen derzeit sechs falsche Polizisten einer anderen Bande vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft forderte gestern Haftstrafen zwischen zwei und sechs Jahren (siehe Bericht im Bayernteil).

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