Kurz vor 18 Uhr kann man bei den Wahlpartys schon erahnen, mit welchem Ergebnis die Parteien zu rechnen haben. Bei den Grünen in der Muffathalle ist mächtig was los, die Halle zum Bersten gefüllt, die Stimmung erwartungsfroh und das Medieninteresse riesig. Hep Monatzeder, Direktkandidat in Pasing, und Gülseren Demirel, sein Pendant in Giesing, sind bei Bekanntgabe der Prognose im Kreisverwaltungsreferat – und aus dem Häuschen. Der frühere Bürgermeister und die Stadträtin liegen sich in den Armen. Monatzeder spricht von einem „historischen Ergebnis“. Er selbst liegt bis kurz vor Schluss nur knapp zurück im Stimmkreis Pasing – hinter dem klaren Favoriten, CSU-Bürgermeister Josef Schmid. Auch Moosach bleibt bis zum letzten Stimmkreis hart umkämpft zwischen Mechthilde Wittmann von der CSU und dem Grünen Nobody Benjamin Adjei. Bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe hatten die Grünen eine Chance auf sechs von neun Direktmandaten, der CSU drohten zeitweise sogar magere drei – eine schwere Schlappe für die Christlich-Sozialen.
So spannend verläuft das Rennen nicht überall. Aber wer gedacht hätte, dass dies aus Sicht der CSU so sein würde, der irrt. Vielmehr fahren die Grünen in Giesing, Milbertshofen, Schwabing und München-Mitte klare Siege bei den Erststimmen ein. Gülseren Demirel (Giesing), Katharina Schulze (Milbertshofen), Christian Hierneis (Schwabing) und Ludwig Hartmann (Mitte) holen die Direktmandate. Letzterer erreicht mit rund 45 Prozent ein fulminantes Ergebnis. Auch die etwa 34 Prozent von Hierneis in Schwabing sind fast unglaublich, während der ehemalige Kultusminister Ludwig Spaenle mit einem Stimmenanteil von knapp über 20 Prozent sein persönliches Waterloo erlebt.
Noch schlechter ergeht es der SPD. In keinem einzigen Stimmkreis haben die Sozis auch nur annähernd eine Chance auf ein Direktmandat. Die Partei stürzt ins Bodenlose von 32 Prozent im Jahr 2013 auf nunmehr etwa 13 Prozent. Im Schlachthof, wo sich die Sozialdemokraten treffen, herrscht Grabesstimmung. Münchens Parteivorsitzende Claudia Tausend sagt, man solle doch lieber „von Wahlabend und nicht von Wahlparty sprechen“. Der ehemalige Oberbürgermeister und Spitzenkandidat von 2013, Christian Ude, fordert schon kurz nach 18 Uhr personelle Konsequenzen. „Es muss alles auf den Kopf gestellt werden“, poltert er. Tausend erklärt: „Es handelt sich um ein Debakel. Die hohe Wahlbeteiligung hat der AfD und den Grünen genutzt. Beide Regierungsparteien in Berlin wurden in bis dato nicht denkbarem Maß abgestraft.“ 50 Prozent des Ergebnisses habe Berlin, 50 Prozent die bayerische SPD zu verantworten. Ruth Waldmann, zuletzt einzige Stimmkreissiegerin der SPD in Bayern und nun draußen, ist niedergeschlagen: „Das ist katastrophal. Schlimm, dass die AfD ein zweistelliges Ergebnis geholt hat. Das erfüllt mich mit Grauen. Ich hoffe, diese Schockwellen kommen in Berlin an. Raus aus der GroKo! Lieber gestern als heute.“
Die Münchner CSU ist zwar nicht ganz so niedergeschlagen wie die SPD, aber ebenfalls sehr enttäuscht. Der Direktkandidat in Pasing und Bürgermeister Josef Schmid sagt: „Jeder war auf dieses Ergebnis vorbereitet. Es ist natürlich bitter, die absolute Mehrheit zu verlieren. Aber die Gründe liegen auf der Hand, sie kommen aus Berlin. Es war nicht klar, worum es bei dieser Wahl geht, nämlich um Bayern.“ Aber bis vor einer Woche hätten die Berliner Themen alles überschatten: „Eitelkeiten, Personalfragen und Streit.“ Als Schmid dies sagt, weiß er noch gar nicht, dass auch er selbst ein katastrophales Ergebnis im eigentlich für die CSU sicher geglaubten Stimmkreis Pasing einfährt. Hans Theiss, CSU-Direktkandidat in München-Mitte, dem nur magere 15 Prozent beschieden sind, sagt: „Da muss man in der Analyse in die Tiefe gehen.“
Bei der FDP im „Schloss“ in Neuhausen ist viel los. Die Stimmung schwankt zwischen Hoffen und Bangen. Der ehemalige Wissenschaftsminister und Direktkandidat in Schwabing, Wolfgang Heubisch, erklärt: „Ein bisschen mehr wäre schön gewesen.“
Jubel brandet unterdessen bei den Freien Wählern im Unionsbräu auf, als die Prognose im Fernsehen aufflackert. Der Landtagsabgeordnete Michael Piazolo leitet aus dem Ergebnis ab: „Es soll eine bürgerliche Regierung in diesem Land geben.“ Mitarbeit: wö, sri, mk, thi, ick, we