Sie alle eint ein grausames Schicksal: 16 Münchner Bürger jüdischen Glaubens, die von den Nazis ermordet, verfolgt oder verschleppt wurden. Am morgigen Dienstag werden zum Gedenken an diese NS-Opfer Stelen und Wandtafeln übergeben. Die insgesamt vier Erinnerungszeichen werden an deren Wohnorten in der Corneliusstraße 2, der Widenmayerstraße 36 und der Bürkleinstraße 16 (heute 20) angebracht.
Ende Juli waren die ersten sechs von der Stadt München in Auftrag gegebenen Stelen und vier Wandtafeln eingeweiht worden. Nun folgen die nächsten Erinnerungszeichen. Der Stadtrat hat insgesamt 150 000 Euro für etwa 100 Tafeln und 100 Stelen bewilligt. Sie werden in Absprache mit den Verwandten bis zum Jahr 2020 in der Stadt aufgestellt.
Vorangegangen war ein Grundsatzbeschluss des Stadtrats, in München auf die Verlegung von Stolpersteinen im öffentlichen Raum zur Erinnerung an NS-Opfer zu verzichten. Stattdessen legte sich das Gremium auf Stelen und Wandtafeln als Gedenkform fest. Gleichwohl gibt es in München Stolpersteine. Privatleuten kann man das Verwenden der schimmernden Steine nicht verbieten. Erst vergangene Woche wurden 32 Stolpersteine verlegt, insgesamt sind es nun 90 im Stadtgebiet.
Am Dienstag bekommen weitere 16 jüdische Frauen, Männer und Kinder ein Gesicht im öffentlichen Raum. Neun dieser Menschen wurden 1941 im litauischen Kaunas ermordet. An der Bürkleinstraße im Lehel wohnte der Lehrer Simon Kissinger (geboren 1859) zusammen mit seinen Söhnen Julius (geb. 1894) und Ferdinand Kissinger (geb. 1891). Beide Söhne arbeiteten als Lehrer an der jüdischen Schule in München. Ferdinand Kissinger wurde am 10. November 1938 in das KZ Dachau verschleppt. Simon Kissinger verstarb am 15. Februar 1939. Am 20. November 1941 mussten Ferdinand, Julius, dessen Ehefrau Jenny (geb. 1908) und die gemeinsamen Kinder Albert (geb. 1931) und Manfred (geb. 1932) die Deportation nach Kaunas in Litauen antreten, wo SS-Einsatzgruppen sie am 25. November 1941 erschossen.
Auch der Kaufmann Emanuel Kocherthaler (geb. 1869) und seine Frau Rosa (geb. 1879) wohnten an der Bürkleinstraße 16. Das Ehepaar wurde am 4. Juni 1942 in das KZ Theresienstadt deportiert und starb dort 1943. Eine weitere Hausbewohnerin, Ida Silber (geb. 1872), wurde am 27. Februar 1943 im KZ Theresienstadt ermordet. Die Nazis bezeichneten das Gebäude an der Bürkleinstraße als Judenhaus. Zwei Stelen sollen nun an die ehemaligen Bewohner erinnern. Schüler des St.-Anna-Gymnasiums werden am Dienstag bei der Gedenkstunde um 14 Uhr die Namen verlesen. Die Münchner Autorin Felicia Englmann hatte die Anträge für die Erinnerungszeichen eingereicht.
An der Widenmayerstraße 36, ebenfalls im Lehel, wird eine Erinnerungstafel für Ella (geb. 1890) und Friedrich Oestreicher (geb. 1885) angebracht. Ihres Eigentums vollständig beraubt, mussten die Geschäftsleute am 20. November 1941 die Deportation nach Kaunas erleiden, wo das Ehepaar am 25. November 1941 von SS-Einsatzgruppen erschossen wurde.
An der Corneliusstraße 2 im Gärtnerplatzviertel wird eine Erinnerungsstele für Fanny (geb. 1896) und Julius Marx (geb. 1885) aufgestellt. Julius Marx hatte als Sanitätsunteroffizier am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Er führte in der Corneliusstraße einen Groß- und Kleinhandel mit Schuhwaren. Das Ehepaar wurde ebenfalls nach Kaunas deportiert und dort erschossen. Der Münchner Arzt Thomas Nowotny, ein Verwandter, hatte die Erinnerungszeichen für das Ehepaar Marx und das Ehepaar Oestreicher beantragt.
Am Dienstag, 20. November, findet um 18.30 Uhr auch eine Gedenkfeier im Jüdischen Museum statt. Vielen der Münchner Juden gelang es nach 1939 nicht mehr, auszuwandern. Ihres Eigentums beraubt, entrechtet und mit dem gelben Stern gekennzeichnet, erfolgte schließlich ihre Deportation in den Tod. Bei der ersten Deportation am 20. November 1941 wurden 999 Männer, Frauen und Kinder verschleppt und fünf Tage später im litauischen Kaunas von SS-Einsatzgruppen erschossen. Die Nationalsozialisten deportierten insgesamt 2559 Münchner Jüdinnen und Juden. Nur wenige von ihnen überlebten das Elend in den Lagern und Ghettos. Insgesamt fielen dem NS-Regime 10 000 Münchner zum Opfer, darunter 5000 Juden. KLAUS VICK