S-Bahn-Chaos: Ein Ballon legt München lahm

von Redaktion

Am Samstagabend versank die Stadt im S-Bahn-Chaos. Auslöser war erneut ein mit Aluminium beschichteter Luftballon, der am Stachus in die Oberleitung geriet und einen verhängnisvollen Kurzschluss auslöste. Danach ging vier Stunden lang nichts mehr auf der Stammstrecke.

VON MARC KNIEPKAMP

Eigentlich ist es verboten, alubeschichtete Luftballons mit in die S-Bahn zu nehmen, dennoch lösen die bunten Ballons immer wieder größere S-Bahnstörungen aus. Zuletzt am Samstag, als ein solcher Ballon im S-Bahnhof am Stachus kurz vor 18 Uhr einen Kurzschluss auslöste. „Dadurch entstand ein Lichtbogen, der die Oberleitung durchschmoren ließ“, berichtete ein Sprecher der Bahn. Augenzeugen berichten von einem lauten Knall und starkem Rauchgeruch. Eine in den Bahnhof einfahrende S-Bahn kam mit der abgerissenen Oberleitung in Kontakt. Der 42-jährige Zugführer wurde dabei leicht verletzt und wurde ins Krankenhaus gebracht.

Die Zerstörung der Oberleitung am Stachus löste umgehend eine Kettenreaktion mit weitreichenden Folgen im S-Bahn-Netz aus. „Es kam zu einem Spannungsabfall im gesamten Netz der S-Bahn und dadurch zu weiteren Oberleitungsstörungen“, erklärt der Bahn-Sprecher. Betroffen von diesen Störungen war der gesamte Tunnelbereich der Stammstrecke, sowie die Gebiete Obermenzing und Laim. Zwischen 17.50 Uhr und 22 Uhr war die Stammstrecke laut Bahn komplett gesperrt.

Gleich drei S-Bahnen waren im Tunnel liegen geblieben. Sie konnten ohne Stromversorgung nicht weiterfahren. In einer dieser S-Bahnen saß Thomas Simmel aus Mühldorf am Inn. Er war mit seiner Frau unterwegs ins Nationaltheater, um das Ballett „Alice im Wunderland“ zu sehen. „Um 18.03 Uhr hat unsere S3 den Ostbahnhof verlassen“, erinnert sich Simmel. Zwischen den Stationen Rosenheimer Platz und Isartor fand die Fahrt ihr abruptes Ende. „Über dem Wagen war ein lauter Knall wahrzunehmen. Es hörte sich an, als sei etwas heruntergekommen“, sagt Simmel. Danach sei es dunkel geworden und der Fahrer habe sich über die Lautsprecheranlage gemeldet. „Das verlief sehr routiniert. Und obwohl die Informationslage dünn war, blieben die Fahrgäste ruhig“, sagt Simmel und fügt hinzu: „Die meisten werden routinierte S-Bahn-Fahrer gewesen sein – da ist man ja einiges gewöhnt.“

So etwas ist Simmel aber auch noch nie passiert. Gut anderthalb Stunden harrten er und seine Leidensgenossen in der liegen gebliebenen S-Bahn im Tunnel aus. „Zum Glück war der Zug nicht so voll wie im Berufsverkehr und es herrschte keine hochsommerliche Hitze“, sagt Simmel. Schließlich konnte der Zug aus eigener Kraft zurück zum Ostbahnhof fahren. „Dort sind wir um 19.26 Uhr angekommen“, sagt Simmel. Zum Nationaltheater hat er dann die „proppenvolle“ U5 genommen. „Für den ersten Akt waren wir zu spät, aber im zweiten Akt konnten wir dann unsere Plätze einnehmen“, berichtet der Fahrgast.

Eine weitere liegen gebliebene S-Bahn konnte den Tunnel, als in ihrem Segment der Strom wieder eingeschaltet wurde, ebenfalls aus eigener Kraft verlassen. Ein dritter Zug, der zwischen Hauptbahnhof und Stachus gestrandet war, musste allerdings evakuiert werden. Gut 275 Reisende befanden sich darin, sie blieben unverletzt. Zwischen Obermenzing und Moosach blieben ein ICE, der ohne Passagiere unterwegs war, und ein Güterzug liegen.

Alubeschichtete Ballons verursachen immer wieder schwere Störungen, ihre Mitnahme in der S-Bahn ist verboten. Die mit Helium gefüllten Ballons steigen an die Stationsdecke. Der Sog der Züge zieht die Ballons dann in den Raum über den Gleisen, und sie steigen geradewegs in die Oberleitung. Ihre metallbedampfte Haut verursacht dort den Kurzschluss.

Die Bundespolizei ermittelt wegen gefährlichen Eingriffs in den Schienenverkehr und wertet die Bilder der Überwachungskameras aus, um den Passagier ausfindig zu machen, dessen Ballon das Chaos ausgelöst hat.

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