Der Tanz unter dem Kranz

von Redaktion

Tag für Tag blicken Menschen aus aller Welt auf dem Marienplatz fasziniert nach oben: Zu den acht Schäfflern, die sich im Glockenspiel drehen. Aber nur alle sieben Jahre tanzen sie auch live – und in knapp fünf Wochen hat das Warten ein Ende: Die Schäffler tanzen wieder.

VON KATHRIN BRAUN

Es ist kalt, gerade mal null Grad, vor der Fassfabrik Schmid, der letzten bestehenden Fassfabrik der Region – dort, wo es noch echte Schäffler gibt. Aber für die Schäffler ist es selbstverständlich, draußen zu tanzen. „Die perfekte Schäfflertemperatur“, sagt Stefan Schiedermeier, der Reifenschwinger der Gruppe, und grinst. „Kalt und trocken.“

Anstatt weißer Kniestrümpfe, schwarzer Kniebundhose, roter Jacke und grüner Kappe tragen die Schäffler diesmal Anorak und Kapuzenjacke. Nur die schwarzen Schnallenschuhe mit den Ledersohlen sind auch bei der Probe ein Muss. Ratsch, ratsch – die Sohlen rutschen immer im gleichen Rhythmus über den Asphalt.

Der Schäfflertanz gehört zu München wie das Oktoberfest zur Theresienwiese. Zuletzt tanzte der Verein außer der Reihe im vergangenen Jahr – zu seinem 500. Jubiläum. Die Legende besagt, dass sich die Schäffler 1517 nach der Pestepidemie in München auf den Straßen getroffen haben, um die Münchner aufzuheitern. Von den 20 Tänzern des Vereins sind heute nur noch fünf echte Schäffler – also Fassmacher.

Eine Hand in die Hüfte ge-stemmt, rechtes Bein hoch, ratsch, ratsch, linkes Bein hoch. Alle tanzen synchron, die Beine angespannt und im exakt gleichen Winkel angehoben. „Das ist wichtig“, sagt Peter Dönhuber, der Tanzmeister der Gruppe. Dann stehen alle auf einem Haufen, zwischendurch ein kleiner Rempler. „Augen auf, Freunde der Nacht!“, ruft Dönhuber. Was auf den ersten Blick wirr aussieht, hat ein genaues System und muss bis ins kleinste Detail stimmen. Es ist die 14. Probe für ihren großen Auftritt am 6. Januar auf dem Marienplatz.

Am Ende des Tanzes wird ein großes Holzfass in die Mitte der Runde gerollt. Dann kommt Stefan Schiedermeier, der Reifenschwinger, ins Spiel. Er konzentriert sich, alle sind still. Er nimmt Anlauf und springt auf das über ein Meter hohe Holzfass. „Nächstes Mal aber ohne Hände“, sagt Dönhuber und lacht.. Der Reifenschwinger hält zwei Reifen, in denen jeweils zwei volle Schnapsgläser stehen – dann fängt er an zu schwingen, linksherum, rechtsherum, die Gläser bleiben voll.

Christian Arbinger ist seit 14 Jahren Kasperl, der Spaßmacher der Gruppe. „Ohne den Kasperl funktioniert der Tanz nicht“, sagt er. Schiedermeier muss lachen, als er das hört: „Den Kasperl kannst du für nichts gebrauchen – außer für ein paar Späße.“

Zwei Stunden proben die Schäffler in Eiseskälte, zwischendurch ein Päuschen für ein kühles Helles in der warmen Lagerhalle. Kalt ist aber auch draußen niemandem. Die Männer müssen sich beim Tanzen anstrengen, deshalb sind im Traditionsverein überwiegend junge Männer – die Schäffler sind zwischen 20 und 55 Jahre alt.

„Noch mal – aber diesmal mehr Konzentration“, rügt Dönhuber seine Schäffler nach dem ersten Tanz. Zwischendurch gibt es immer wieder ein Lob. „Der Schritt lässt bei manchen noch zu wünschen übrig“, heißt es aber dann. Die Schäffler nehmen ihre Tradition sehr ernst – schließlich tanzen sie erst in sieben Jahren wieder. Warum genau sieben Jahre, weiß niemand so genau. Weil die Pest alle sieben Jahre verstärkt aufgetreten sein soll, heißt es oft. Oder weil die Sieben eine Glückszahl ist. Was auch immer der Grund ist – der Schäfflertanz bleibt etwas ganz Besonderes.

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