Kritik an Politik mit „Laubbläsereffekt“

von Redaktion

20 Jahre war Norbert Huber Caritas-Chef – Zum Abschied spricht er über den Wandel der Stadt

Norbert J. Huber (65) ist seit Januar 1999 Geschäftsführer der Caritas Zentren München/Land. Noch ist der gebürtige Niederbayer Chef von 2000 Caritas-Mitarbeitern in München – und weiteren 4000 Mitarbeitern in sozialen Einrichtungen der katholischen Kirche. Zum Jahresende geht der Vater eines erwachsenen Sohnes und einer schulpflichtigen Tochter in den Ruhestand. Sprecher des 2009 gegründeten Bündnisses „München sozial“, dem inzwischen 36 im Sozialbereich tätige Organisationen in der Stadt angehören, will er vorerst bleiben. Deutliche politische Statements hat Huber nie gescheut, das tut er auch im Abschiedsgespräch nicht.

Was hat sich in den 40 Jahren, in denen Sie in München gearbeitet haben, verändert?

Die Schere zwischen Arm und Reich ist immer weiter auseinandergegangen. Es gibt inzwischen noch viel mehr Millionäre. Am anderen Ende der Skala gibt es viele, die sich das Leben in der Stadt kaum mehr leisten können.

Das drängendste Problem ist das Wohnen. . .

Es gibt noch immer Stadtratsbeschlüsse, mit denen städtische Grundstücke verkauft werden. Das muss aufhören. Jetzt hat die Stadt beschlossen, Grundstücke nur noch per Erbpacht zu vergeben – da waren die Kirchen schon immer klüger. Die Sozialbindung muss ausgeweitet werden. Gewofag und GWG bauen viel, aber der Anteil der Wohnungen, der in der Sozialbindung ist, ist viel zu klein. Und: Die Wohnungsbaugesellschaften sind zuletzt beständig unter ihren selbst gesteckten Zielen geblieben.

Will die Stadt dann neue Wohnungen schaffen, geht das aber auch nicht problemlos. Stichwort städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM).

In Feldmoching wurde eine Firma beauftragt, Bürgerinitiativen gegen die städtebauliche Entwicklungsmaßnahme (SEM) zu pushen. Da hängt an jedem Gartenzaun ein Anti-SEM-Plakat – und wehe, wenn einer zum Bäcker geht, der das Plakat nicht draußen hat. Da wird richtig Druck gemacht. Da haben vier Bauern und ein paar Gärtner Geld in die Hand genommen und eine Kampagne gestartet. Da muss doch die Stadt mit der Zivilgesellschaft auch eine Kampagne starten für die Daseinsvorsorge. Ohne Kampagne geht heute nichts mehr.

Daseinsvorsorge – was heißt das?

Zum Beispiel hat die Bahn große Probleme, Wohnungen für ihre Auszubildenden zu bekommen. Die braucht sie, wenn die zweite Stammstrecke in Betrieb gehen soll. Die Bahn hat ihr Tafelsilber verscherbelt und jetzt nicht mal mehr ein Grundstück, wo man in München ein Wohnheim bauen könnte.

Das Problem haben aber nicht nur Nachwuchs-S-Bahn-Fahrer.

Eben. Wenn wir irgendwann in dieser Stadt keine Krankenschwestern mehr haben, keine Erzieherinnen und Altenpflegerinnen, ist das ein Riesenproblem.

Wie könnte eine solche Kampagne aussehen?

Alle Akteure der Daseinsvorsorge, also etwa die Polizei, Krankenhäuser, Wohlfahrtsverbände, Betreiber von Kindertagesstätten, müssten sich zusammentun und aufzeigen, was es bedeutet, wenn es diese Menschen nicht mehr gibt in München.

Was muss noch passieren?

Die Stadt hat ohnehin wenig Grundstücke, steht aber im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten nicht ganz schlecht da. Sie hat ihr Tafelsilber nicht verscherbelt. Sie bekommt die Mischung gut hin, geförderten und nicht geförderten Wohnungsbau sowie Eigentum, das ist nach wie vor das richtige Rezept. Trotzdem: Es müssen alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Egal ob das der Dachgeschossausbau ist, das Überbauen von Parkplätzen oder die Förderung kleiner Genossenschaften.

Eine Erscheinung ist auch, dass immer mehr Menschen psychische Auffälligkeiten entwickeln. Die Sozialbehörden rüsten auf, um sich gegen Übergriffe zu schützen . . .

Ich weiß nicht, ob der Ausbau von Sicherheitsdiensten allein das richtige Instrument ist. Da haben wir schon große Diskussionen, auch mit der Sozialreferentin, geführt. Meine Mitarbeiter in der Asylsozialberatung können auch nicht immer die Security neben sich haben. Natürlich rasten da immer mal Leute aus, die mit dem Leben nicht zurechtkommen oder Traumata haben. Sozialpädagogische Hilfeleistung muss in meinen Augen auch und gerade mit Menschen umgehen können, die nicht mit dem Leben zurechtkommen.

Welches wäre für Sie die richtige Strategie?

Schutzmechanismen müssen natürlich vorhanden sein. Ein Klingelknopf etwa. Bei uns hat jeder eine Trillerpfeife, da muss man nicht lang suchen oder irgendwas einschalten. Eine Pfeife gefährdet niemanden. Die anderen Kollegen sind gewarnt und können zu Hilfe eilen. Und: Eine Trillerpfeife kostet fast nichts. Die Menschen haben ohnehin Hemmungen, in große Behörden zu gehen. Erstanlaufstellen müssen niedrigschwellig bleiben. Was hier passiert, sind neue Formen von Ausgrenzung. Ich habe oft das Gefühl, dass die Verhältnismäßigkeit verloren geht.

Eine psychische Krise kann ja jeden treffen . . .

Jeder fünfte Mensch wird einmal im Leben von einer Depression erwischt, eine tiefe Lebenskrise, die die ganze Familie mitnimmt. Davor ist niemand gefeit, auch nicht die Reichen. Wir werden ein weiteres massives Anwachsen von psychischen Erkrankungen erleben. 80 Prozent der Menschen, die unter der Brücke schlafen, haben eine psychische Erkrankung und können zum Teil nicht mehr in vier Wänden leben.

Nun werden gerade die Lager eben jener Menschen unter den Brücken von der Stadt geräumt.

Ich finde das gefährlich. Menschen zu vertreiben hat nur einen Laubbläsereffekt. Man bläst zum Beispiel den Hauptbahnhof von Alkoholikern frei, dann findet man sie eben ein paar Straßen weiter wieder. Das ist eine Nicht-Lösung. Den Kälteschutz und die Öffnung auch in den Sommermonaten finde ich super. Das ist eine Absicherung für die Menschen, bis sie sich wieder fangen oder Hilfe in Anspruch nehmen können. Man muss generell sagen: Die Laubbläser nehmen zu, auch beim politischen Agieren.

Welche Dinge haben Sie angestoßen, auf die Sie stolz sind?

Die Freiwilligenzentren, in denen sich die Akteure in den Stadtvierteln vernetzen. Ich habe beim Freiwilligenzentrum München Nord gesehen, was da alles passiert. Das fand ich toll. Deshalb habe ich mich dafür eingesetzt, dass das ausgebaut wird. Stolz bin ich auch auf das Bündnis „München sozial“, das sich sehr erfolgreich entwickelt hat. Und: Ich habe 20 Kindertagesstätten in 20 Jahren eröffnet. Das ist nicht sehr viel im Vergleich zu anderen Trägern. Aber: Bei der Kirche gab es viele Familienbild-Besorgte, viele Bedenkenträger, gerade was Krippen anbelangt.

Was halten Sie davon, dass die Stadt die Kita-Gebühren deutlich senkt?

Für die Kinder mit Migrationshintergrund, die erst spät in eine Kita gehen und mehr Förderung brauchen, ändert sich gar nichts. Es handelt sich um reinen Geldtransfer, notwendig wäre aber mehr pädagogische Unterstützung. Es ist die falsche, eine bürgerliche Lösung, reine Mittelschichts-Denke. Auch hier hat sich die SPD nicht freigeschwommen.

Wie sehen Ihre Pläne für den Ruhestand aus?

Ich werde mich um das Gewächshaus in meinem Garten kümmern. Das braucht ein Fundament. Und was ich darüber gelesen habe, ist das gar nicht so einfach, das vernünftig zu machen. Ab Januar bin ich zudem für fünf Jahre ehrenamtlicher Hauptschöffe am Landgericht München I in Strafsachen. Ich will mir auch Zeit für anderes nehmen, zum Beispiel Vorträge zu halten. Ich werde aber nicht zu viele Verpflichtungen übernehmen.

Ihr Nachfolger, Harald Bachmeier, wurde in Österreich als Geschäftsführer der Tiroler Sozialen Dienste entlassen. Legen Sie Ihre Aufgaben in die richtigen Hände?

Wenn er dort GmbH-Geschäftsführer war und das drei Jahre gemacht hat – eine GmbH, die 100-prozentige Tochtergesellschaft der Tiroler Regierung ist –, kann er schon etwas vorweisen. Ich gehe davon aus, dass der Herr Bachmeier aufgrund seiner langen Erfahrung sehr viel kann. Ich kenne ihn persönlich noch nicht. Ich werde mich Anfang des neuen Jahres mit ihm treffen und ein Übergabegespräch führen. Integration ist ein großes Thema. Und auch da bringt er viel mit, was uns bei der Caritas helfen kann.

Interview: Caroline Wörmann

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