Große Herausforderung

von Redaktion

Die 3sat-Dokumentation „Eine Armlänge Welt“ begleitet einen taubblinden Mann auf dem Jakobsweg

VON HEIDE-MARIE GÖBBEL

Sven Fiedler aus Rottweil kam 1967 seh- und hörbehindert zur Welt. Doch niemand bemerkte es. Erst in der achten Klasse wurde sein Handicap entdeckt. 2010 erblindete er fast ganz. Die Diagnose lautete Asher-Syndrom, eine Krankheit, bei der Hör- und Sehvermögen langsam schwinden. Seinen Beruf als technischer Zeichner musste er aufgeben. Trotz allem wollte er sich nicht von einem langgehegten Traum abbringen lassen und plante eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg. Mehrere Taubblindenassistentinnen (TBAs) begleiteten ihn, außerdem das Filmteam von Susanne Bohlmann, die das ungewöhnliche Unternehmen in dem Dokumentarfilm „Eine Armlänge Welt“ festhielt, den 3sat heute um 22.25 Uhr ausstrahlt.

Er könne manchmal noch gut hören, erzählt Fiedler zu Beginn, zu Hause und auch am Telefon. Aber sobald Störgeräusche dazukämen, etwa an einer Supermarktkasse, verstehe er nichts mehr. Das Schwierigste an der Wanderung auf dem Jakobsweg sei, dass man die Wege nicht vorab erkunden könne und nicht wisse, wann Wurzeln oder Steine kämen. Seit dem Aufbruch seien die Gerüche um ihn herum und das Tastgefühl seiner Hände und Füße die wichtigste Orientierung: „In fremder Umgebung habe ich nicht mehr als meine Armlänge als Sicherheit. Aber die Assistenten sind dann auch meine Armlänge“, erklärt er.

Zwei Jahre lang hatte Sven Fiedler mit Unterstützung von Almuth, einer TBA, die er bei einer Freizeit im Schwarzwald kennengelernt hatte, akribisch seine Reise geplant. 2017 brachen sie auf, Fiedler und drei von insgesamt sieben TBAs, dazu das Filmteam. Sie starteten Mitte April und fuhren mit dem Auto bis Saint-Jean-Pied-de-Port in Frankreich, wo die wichtigste Pilgerroute des Jakobswegs beginnt. Trotz längerer Pausen bewältigen sie die 800 Kilometer lange Strecke nach Santiago de Compostela in 44 Tagen.

Doch schon bald nach dem Aufbruch gibt es Schwierigkeiten. Sven bekommt Probleme mit den Knien – und das Verhältnis zu seinen Assistenten verschlechtert sich. „Wir wollen immer versuchen, dass ihr Assistenten bleibt, nicht Betreuer“, sagt er in einer Szene. Betreuer gäben Kommandos, denen er folgen müsse. Assistenten dagegen unterstützten seine Entscheidungen, erklärt er später. Doch seine Vermittlungsversuche scheitern. Die Stimmung in der kleinen Truppe sinkt weiter. Am Ende dreht Autorin Bohlmann, die eigentlich nur den Beginn und den Abschluss der Reise selbst festhalten wollte, die weitere Reise ohne ihr Filmteam. Sie wollte versuchen, „das Wesentliche von Svens Situation zu erfassen, seine Einsamkeit in einer von optischen und akustischen Reizen abgeschlossenen Innenwelt, und die Gründe dafür, nicht genug vertrauen zu können“. Insgesamt entstand ein lohnenswerter Film. Und auch Fiedlers Wunsch geht in Erfüllung, dass die filmische Begleitung seiner Pilgertour das Thema Taubblindheit neu ins Bewusstsein der Zuschauer rückt.

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