Denis Michael Rudisch ist studierter Musicaldarsteller und hat heuer für seinen großen Traum alles auf eine Karte gesetzt. Er hat den Schritt über den großen Teich gewagt und ist in die Musical-Hauptstadt New York gezogen. Dort absolviert er ein Masterstudium an der renommierten New York University und unterrichtet zeitgleich als Adjunct Professor die Bachelorstudenten. Wir haben uns mit ihm über die Stadt seiner Träume unterhalten, über Unterschiede zu seiner alten Heimat und was die Auswanderung für ihn bedeutet hat.
Warum haben Sie sich gerade 2018 ein Herz gefasst und München den Rücken gekehrt?
Ich bin 30 Jahre alt geworden. Und war acht Jahre erfolgreich im Beruf, habe die für mich möglichen Rollen in Deutschland und Österreich gespielt. Daher wollte ich den nächsten Schritt gehen. Mein Motto für 2018 war: Jetzt oder nie! Und seit 2011 war ich mindestens einmal im Jahr in New York – und auch immer an der Universität. Ich habe bei den dortigen Dozenten bereits Unterricht genommen, konnte das Institut kennenlernen. Und ich habe schnell gemerkt, dass ich mich dort beruflich, künstlerisch, aber auch persönlich weiterentwickeln kann.
2004 haben Sie als Schüler zum ersten Mal den „Big Apple“ besucht– wie war’s damals?
Als 15-jähriger Junge vom Land war es der totale Kulturschock. Die ganzen Geschäftsleute sahen so wichtig aus. Aber eigentlich fand ich die Stadt dreckig und teuer. (lacht)
Und dann haben Sie Ihr Herz doch noch an die Stadt verloren.
Das kam eher unerwartet im Laufe meines Studiums. Im Musical-Bereich ist der Broadway international der Pulsgeber. Ich ging zu Vorsingen, nahm Unterricht, knüpfte Kontakte. Da habe ich gemerkt: Das ist meine Stadt.
Also quasi Liebe auf den zweiten Blick?
Ja, das kann man so sagen. Aber ich glaube eh, dass die Liebe auf den zweiten Blick länger hält.
Was macht die Stadt für Sie besonders?
Alleine die verschiedenen Kulturen, die man auf der Straße sieht: Orthodoxe Juden oder Mormonen, die auch äußerlich ihre Religion leben. Es gibt große spanische oder auch chinesische Gemeinschaften. Natürlich ist Rassismus immer noch ein Problem, das darf man nicht vergessen. Trotzdem empfinde ich die New Yorker als besonders offen.
Wie erklären Sie das?
New York ist die Stadt der Träumer. Für viele ist es aber auch die Stadt der Ernüchterung und der enttäuschten Hoffnungen. Freude und Leid liegen hier oft nah beieinander. Und irgendwie sitzen alle in einem Boot – das verbindet.
Kann man daher auch leicht neue Kontakte knüpfen?
Ja und nein. Die New Yorker sind sehr nett und hilfsbereit. Leute haben mir auf der Straße ihre Hilfe angeboten, wenn ich kurz nicht wusste, wo ich hin muss. Das kannte ich aus Deutschland eher weniger. Man kommt auch sehr schnell ins Gespräch, zum Beispiel in der U-Bahn. Aber viele haben keine Zeit, um ernsthaft nach Bekannschaften zu suchen. Das liegt am Tempo der Stadt.
Studieren in Amerika ist oft auch eine finanzielle Herausforderung …
Oh ja. Die zwei Jahre Studium werden mich um die 180 000 Dollar kosten. Stipendien sind leider ausgeblieben, daher muss ich das Ganze finanziell alleine stemmen. Das ist ein immenses Risiko! Ich habe zwei Versicherungen auszahlen lassen, habe alles verkauft – vom Auto über das Fahrrad bis zu den Möbeln. Und natürlich auch alle Ersparnisse – jeder Cent fließt in meinen Traum.
So ein Schritt macht doch sicher Angst …
Es ist wie vom Zehnerbrett zu springen. Erst überwiegt die Angst. Aber in dem Moment, wo du abspringst, bist du froh, dass du es getan hast. Acht Jahre Berufsleben hab ich einfach aufgegeben! Als selbstständiger Künstler ist auch das ein großes Risiko. Ich stehe in den nächsten Jahren dem deutschen Markt nicht zur Verfügung. In unserer Branche heißt das – man ist weg. Und man lässt die Familie und Freunde zurück. Das ist nicht leicht.
Im August ging es los. Wie waren die ersten Tage?
Erst einmal war es sehr komisch, mein ganzes Hab und Gut in ein paar Koffern zu sehen. Ich hatte mir von München aus ein Zimmer in einer Vierer-WG organisiert. Ich kam an und alles war so dreckig, dass ich zwei Tage geputzt hab. (lacht) Aber inzwischen verstehen wir uns bestens.
Und wie läuft es mittlerweile?
Es ist besser als erwartet. Aber auch stressiger. Mit meinen Kursen an der Universität und den Stunden, die ich selber gebe, komme ich im Durchschnitt auf 16-Stunden-Tage. Es dauert etwas, bis man sich an das Pensum und das Tempo der Stadt gewöhnt. Auch das soziale Leben funktioniert hier ganz anders.
Inwiefern?
Jedes Wochenende mit Freunden Party machen ist hier nicht drin. Dafür haben die Leute meist keine Zeit. Man muss gut organisiert und trotzdem spontan sein. Schließlich steht die Stadt niemals still. Gemütlich mit Freunden im Biergarten bei einer Maß sitzen, wie ich es in München gerne gemacht habe, geht in New York nicht. Da bekommt man schon mit dem Cocktail die Rechnung – der Tisch muss schnell wieder frei werden.
Gab es Momente, in denen Sie schon aufgeben wollten?
Sicherlich habe ich den Schritt zwischendurch in Frage gestellt. Aber bereut habe ich ihn nicht. Sonst wäre ich zurückgegangen.
Was sind die größten Unterschiede zwischen New York und der alten Heimat?
Das Essen! Sich gut und gesund zu ernähren ist hier sehr teuer. Wenn ich mir mittags einen Salat holen will, bin ich schnell bei 15 Dollar. Ein Stück fettige Pizza bei einem Straßenverkauf kostet dagegen nur zwei Dollar. Und das, obwohl es in New York zum Lebenstil gehört, schlank und fit zu sein. Natürlich bekommt man auch günstigere Lebensmittel – aber die schmecken meist nach nicht viel. Auch einfachste Alltagsgegenstände sind teuer. Für eine große Flasche Spülmittel zahlt man schnell zwölf Dollar – das ist Wahnsinn! Und es geht noch weiter: Eine Einzimmerwohnung kostet hier schnell 4000 Dollar im Monat. In New York verdienen eben manche Menschen 300 000 Dollar im Monat – das sind nicht nur Manager. Aber es gibt auch Leute, die an der Armutsgrenze leben. Wie weit die soziale Schere wirklich auseinander klafft, merkt man erst, wenn man hier lebt.
Ist New York für Sie inzwischen ein Stück Heimat geworden?
Definitiv. Ich lebe jetzt das Leben, das ich immer wollte. Das motiviert mich jeden Tag auf’s Neue. Und ich habe gute Freunde gefunden. Was will man mehr?
Das Interview führte Lisa-Marie Birnbeck