Pflege: Hilfe aus Vietnam

von Redaktion

Im Kampf gegen den Fachkräftemangel setzen die Betreiber von Pflegeheimen verstärkt darauf, Pflegekräfte aus dem Ausland anzuwerben. Die Herausforderungen sind groß – Arbeitgeber wie die Innere Mission sind davon überzeugt, dass sich die Anstrengungen lohnen.

VON KATHRIN BRAUN

Wenn man Ingeborg Setzweins Zimmer betritt, fühlt sich das zunächst wie ein Besuch bei der Oma an. Blümentöpfe in verschiedensten Farben auf der Fensterbank, Bilder von Landschaften und einer jungen Familie an der Wand, Engelsfiguren aus Porzellan, ein handgeknüpfter Teppich. Nur einige Details passen nicht ins Bild. Es riecht nicht nach aufgesetztem Tee, sondern nach Altersheim. Da steht ein höhenverstellbares Bett. Und mit der Seniorin ins Gespräch vertieft ist die junge, vietnamesische Pflegerin Hang Le.

Ingeborg Setzwein ist 96 Jahre alt, Hang Le ist 28. Die beiden wirken wie Freundinnen, lachen miteinander und wirken vertraut. Setzwein lebt seit zehn Jahren im von der Inneren Mission betriebenen Leonhard-Henninger-Haus im Westend. Als sie eingezogen ist, stammten noch nicht so viele Pfleger aus dem Ausland, erinnert sich die Seniorin. Heute sind es etwa 80 bis 90 Prozent, sagt Hang Le. Die Altenpflegerin lebt seit fünf Jahren in München.

Sie hat mit hundert anderen Vietnamesen an einem Projekt der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit teilgenommen – sie alle wollten nach Deutschland, um als Pfleger zu arbeiten. „Es war wie in einem Internat“, erinnert sich die gelernte Krankenschwester. Zur Vorbereitung gehörte ein halbjähriger Sprachkurs beim Goethe-Institut in Hanoi, danach wurden sie in Kleingruppen in Pflegeeinrichtungen in Baden-Württemberg, Bayern, Berlin und Niedersachsen ausgebildet. Hang Le kam nach München, zur „Hilfe im Alter“ der Inneren Mission München. Für die Hilfe im Alter sind ausländische Pflegekräfte eine Bereicherung, sagte Dirk Spohd am Donnerstag bei der Jahrespressekonferenz der Inneren Mission. „Wir können unseren Personalbedarf seit Jahren nicht mehr mit einheimischen Pflegekräften decken und sind gezwungen, uns ins Ausland zu orientieren.“

Die Zahlen sprechen für sich: 2016 hatten rund 60 Prozent der 950 Mitarbeiter einen deutschen Pass, 2018 waren es nur noch etwa 55 Prozent. Aus insgesamt 43 Ländern stammen die Beschäftigten der Hilfe im Alter – die größte Gruppe kommt aus Bosnien-Herzegowina, gefolgt von Kroatien, Vietnam und den Philippinen. Ähnlich ist es in der hauseigenen Pflege-Akademie: Die 77 Schüler, die im vergangenen Jahr ihre Ausbildung angefangen haben, kommen aus 26 verschiedenen Ländern – und nur 16 von ihnen kommen aus Deutschland.

Die ausländischen Pfleger sind eine große Entlastung, stellen aber auch eine große Herausforderung dar. Die Hilfe im Alter unterstützt die Auszubildenden nicht nur dabei, die Sprache zu lernen, sondern kümmert sich auch um Wohnungen. „Unsere Mitarbeiter aus dem Ausland finden am Anfang meist keine Wohnung, die sie bezahlen können“, erklärt Spohd. Und: Die unterschiedlichen Kulturen mit der diakonischen Identität zu verbinden, sei eine große Herausforderung. Denn rund 95 Prozent der Bewohner hätten einen christlichen Hintergrund und sich deshalb bewusst für den evangelischen Träger entschieden. Mitarbeiter aus anderen Kulturkreisen müssten deshalb an das diakonische Profil herangeführt werden. Wie gehen wir mit Sterben um? Was bedeutet die Gleichberechtigung von Mann und Frau?

Herausforderungen, die die Hilfe im Alter und Hang Le in den vergangenen fünf Jahren überwunden haben. „Ich fühle mich sehr wohl hier“, sagt sie. Zwar war die Altenpflege für die ehemalige Krankenschwester eine große Überwindung. „Es war für mich ein Schock, als ich sah, wie viele alte Menschen hier auf Pflege angewiesen sind. In Vietnam kennen wir das nicht – wir haben eine viel niedrigere Lebenserwartung, und die meisten werden von ihrer Familie gepflegt.“ Aber heute könnte sich Le keinen anderen Beruf mehr vorstellen. „Ich habe gesehen, wie arm und einsam die Leute in den Heimen sind“, erklärt sie. „Und dachte mir: Genau das sollte ich tun.“ Ihr geht es nicht darum, ob ihr die Arbeit Spaß macht – sondern dass sie anderen Menschen hilft. „Und genau das macht mir Spaß, das hält mich am Leben.“ Und auch Ingeborg Setzwein ist glücklich mit ihrer Pflegerin Hang Le. „Für uns Bewohner ist das Multikulturelle ja auch interessant“, sagt sie und lacht.

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