„Wir holen die Leute auf die Straße“

von Redaktion

Die Schäffler tanzen wieder. Und inzwischen passt auch das Wetter zu ihrem Erkennungslied „Aber heit is koid“. Wir haben die Münchner Traditionshüter einen Tag lang bei ihrer mitunter schweißtreibenden Arbeit begleitet.

VON ANNABELL PAZUR

Es ist acht Uhr morgens, fast noch dunkel. Die Altstadt liegt in tiefer Stille. Doch in der Neuhauser Straße 27 regt sich etwas. Im Garten des Augustiner führt eine unscheinbare Holztreppe zur Schäffler-Herberge, in der sich knapp 20 stramme Männer für einen langen Tag bereit machen. Acht Aufführungen stehen auf dem Tagesplan.

Spätestens um neun Uhr ist dann auch die Altstadt wach. Denn jeden Morgen rücken die Schäffler vom Augustiner aus, immer mit Blaskapelle und nicht zu überhören. Erster Auftritt: Opel Häuser im Westend. Die Busfahrt dorthin: trotz der frühen Stunde die reinste Gaudi. Am Ziel treffen die Schäffler einen alten Kameraden: Albert Neumayer (84) war Bierfahrer bei Augustiner. „Und da ich praktisch etwas mit Fässern zu tun hatte, durfte ich mitmachen“, erzählt er. Neumayer vermisst das Tanzen.

Seine Nachfolger tanzen sich derzeit allmählich ein. Richtig ernst wird es ab dem 25. Januar. Dann sind sie jeden Tag unterwegs und tanzen fast 400 Mal in und um München. „Das geht dann bis Faschingsdienstag, also fast sechs Wochen lang“, sagt erster Reifenschwinger und Tourneeleiter Christian Härtl (51). „Das schweißt ganz schön zusammen, wenn man sieben Tage die Woche auf engstem Raum ist.“ Bei der Halbzeit gebe es da schon mal einen Lagerkoller. „Unter der Woche geht es oft um 6.30 Uhr los, und dann haben wir alle 45 Minuten einen Tanz. Da muss man die Nerven behalten!“, sagt Härtl.

Diesmal, beim ersten Auftritt des Tages, läuft alles rund, obwohl ein Tänzer fehlt. „Wir brauchen mindestens 20 Tänzer, damit die Formationen aufgehen“ sagt Stefan Schiedermeier (47). Dazu kommen noch zwei Reifenschwinger, ein Fahnenjunker und zwei Kasperl, die die Leute zum Lachen bringen und ihnen schonungslos die Nasen schwarz anmalen. Das bringt Glück.

Der erste Tanz ist geschafft, alles wird in den Bus geladen und schon geht es auf nach Dachau. Wie üblich eröffnet das Münchner Kindl den Auftritt. In dieser Saison ist das die 24-jährige Franziska Grillenberger. Doch in Dachau macht es zur Abwechslung Susanne Gitt, die 1998 das Münchner Kindl war. Die Sonne ist verschwunden und es ist mittlerweile bitterkalt. Doch die Schäffler scheinen davon nichts zu merken. „Kälte tut uns gar nichts, wir sind ja warm angezogen und bewegen uns“, sagt Tänzer Martin Steger. „Aber die Musiker, das sind arme Schweine. Es war mal so kalt, da mussten sie ihre Instrumente mit Schnaps durchspülen, damit nichts einfriert.“ Der Fahnenjunker habe sich damals in die Fahne eingewickelt.

Am liebsten mag Steger, wenn es schneit. Regen dagegen sei eine absolute Katastrophe. „Da werden die Strümpfe immer so dreckig“ sagt er. Zu trocken darf es aber auch nicht sein: „Dann gehen die Schuhe immer so schnell kaputt“ erklärt Andreas Kraus (27). Je nach Wetterlage müssen die einmal in der Woche neu besohlt werden. Ein Glück, dass die Schäffler einen eigenen Schuster haben.

Der Zeitplan wankt. Punkt zwölf am Marienplatz zu sein, schaffen die Schäffler heute nicht. Dafür ist in Dachau ein ehemaliger Tänzer dazugekommen, und die Truppe ist wieder komplett. Als der Bus zum Marienplatz kommt, heißt die Parole „Blitzstart“. Raus, einmal tanzen und wieder weiter. Für Bilder und Scherze mit den Zuschauern bleibt diesmal keine Zeit. Leider, denn wo immer die Schäffler auftauchen, strömen die Menschen von überall herbei. Gerade so wie bei der Entstehung des alten Brauchs (siehe Kasten), meint Michael Dachs (28). „Die Schäffler haben die Leute auf die Straße geholt und ihnen Hoffnung gemacht, ihnen etwas zum Lachen gegeben. Auch wenn es heute keine Pest mehr gibt, braucht jeder mal eine Aufheiterung.“

Ohne Pause geht es weiter zum Wiener Platz, danach zur Fasanerie, in die Blumenau und zum Mariahilfplatz. Erst gegen 18 Uhr haben sich die Schäffler eine Verschnaufpause verdient. Doch auch die währt nur kurz.

Mit dem Truderinger Musikverein geht es um 19 Uhr wieder weiter zum ersten Balltanz der Saison, auf den Nockherberg. Doch irgendwie scheinen die kernigen Schäffler nicht ganz zu der glitzernden Ballatmosphäre zu passen. Vorstand Willi Schmid, einer der letzten echten Fassmacher unter den Schäfflern, tanzt deshalb lieber im Freien. „In unserem Gewand ist es viel zu warm, um drinnen aufzutreten“, sagt der 62-Jährige. Außerdem geht dann der ursprüngliche Sinn der Schäffler verloren: „Nämlich die Menschen auf die Straßen zu holen.“

Alle Auftritte

der Schäffler gibt es auf schäfflertanz.com. Außerdem kann man die Truppe immer noch für Auftritte buchen. (089/87767285)

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