Er hat eine schwere Entzündung des Herzens (Endokarditis) überlebt, fühlt sich von Tag zu Tag kräftiger und denkt sogar schon wieder an Tennis und ans Reisen. Was bewegt den Medizin-Nobelpreisträger Professor Bert Sakmann (76), mit dieser sehr persönlichen Kranken-Geschichte an die Öffentlichkeit zu treten? Es ist der Wunsch, Betroffene rechtzeitig auf die Alarmzeichen dieser schweren Herzerkrankung aufmerksam zu machen.
Im Fall von Bert Sakmann war nach Einschätzung des behandelnden Herzchirurgen Professor Walter Eichinger „wohl eine entzündete Zahnwurzel die Ursache der Endokarditis“. Auch vom Darm oder dem Hals-Nasen-Ohren-Bereich können Infektionen ausgehen. „Die Endokarditis ist eine tückische Krankheit, weil sie sich nicht sofort bemerkbar macht. Am Herzen bzw. den Herzklappen siedeln sich immer mehr Bakterien an, die zunächst unspezifische Symptome wie wiederkehrende Fieberschübe, Atemnot oder im schlimmsten Fall sogar einen Schlaganfall verursachen können“, erklärt Eichinger. Ein aktiver Mensch wie Bert Sakmann („Ich habe plötzlich beim Tennis nur noch verloren“) wird den zunächst unerklärlichen Leistungsabfall eher bemerken als ein inaktiver oder älterer Mensch, der die Symptome aufs Alter schiebt. Speziell Patienten mit einer Vorschädigung der Herzklappen gehören zur Risikogruppe. Darum rät Professor Eichinger bei den genannten Symptomen: „Lassen Sie beim Arzt durch eine Blutentnahme Ihre Entzündungswerte bestimmen. Eine Ultraschall-Untersuchung zeigt, ob eine beginnende Endokarditis vorliegt.“ Rechtzeitig erkannt helfen oft bereits Antibiotika.
Auf den Tag genau vier Monate ist es her, dass Bert Sakmann am Nachmittag des 7. Oktober in der Notaufnahme der München Klinik Bogenhausen landete. Akute Lebensgefahr. Alles musste sehr schnell gehen. Einen Tag lang hatte er daheim hilflos neben dem Bett gelegen. Da hatten die Bakterien schon die gesamte Herzinnenhaut sowie die Mitralklappe (eine der vier Herzklappen) angegriffen. Sakmann: „Ich hatte eine Blutvergiftung und war im Fieberwahn. Ich sah mich als Toten, der als Internetfigur weiterlebt. Eine Grenzerfahrung.“ In einer schwierigen Operation am offenen Herzen gelang es Professor Eichinger, die zerstörte Herzklappe durch eine Prothese aus Schweineherzgewebe zu ersetzen. Heute ist Bert Sakmann nach zwei Monaten Klinik und mehrwöchiger Reha in der Klinik im Alpenpark am Tegernsee fast wieder der Alte.
Die schwere Erkrankung stellte eine Zäsur im Leben des Nobelpreisträgers dar: „Ich habe die Laborarbeit beendet und werde mich ganz meiner Stiftung zur Förderung junger Wissenschaftler in Israel widmen. Und ich werde meine Memoiren schreiben.“ Dann wird auch wieder mehr Zeit sein für Clara (5), Constanze (8), Lennert (5) und Sebastian (10) – die vier Enkelkinder, die er über alles liebt.
Oft kehren seine Gedanken zurück zu den Menschen, die ihm diesen neuen Lebensabschnitt erst ermöglichten: „Ich durfte erleben, welch Glück es ist, in einer Stadt mit einem funktionierenden Gesundheitssystem zu leben. In einer Klinik, in der alle Fachabteilungen vom Chefarzt bis zum Reinigungspersonal nahtlos zusammenarbeiten. Mit Ärzten und Pflegekräften, von denen viele für zu wenig Geld rund um die Uhr am Limit und oft darüber hinaus arbeiten müssen“, sagt Sakmann und fügt streng hinzu: „Daran muss sich was ändern. Denn diese Menschen, die trotzdem immer ein freundliches Wort für mich hatten, sind die wahren Helden unserer Gesellschaft.“ DORITA PLANGE