Reiter machen solche Abende sichtlich Spaß. „Ich habe dann immer glückliche Menschen vor mir“, sagt er bei seiner Begrüßungsrede. Dass viele der neuen Staatsbürgerinnen und Staatsbürger aus Großbritannien kommen, sei ein neues Phänomen. „Früher waren das jährlich um die 20, nun sind es um die 500. Und die Tendenz ist steigend“, erklärt er. Die Ursache dafür ist der bevorstehende Brexit. Niemand weiß, wie und wann genau Großbritannien aus der EU austreten wird. Das verunsichert die Menschen.
Michael Wiseman (78) kann das sehr gut nachvollziehen. Vor mehr als 40 Jahren ist er nach München gezogen. Für den Engländer war der Brexit der entscheidende Faktor, um sich neben der englischen Staatsbürgerschaft die deutsche zuzulegen. „Niemand weiß, wie es weitergehen wird. Bis jetzt ist alles offen“, sagt der Rentner, der heute in Begleitung seiner Familie und Freunde gekommen ist. Für ihn bedeutet München Heimat. Und die will er auf keinen Fall verlassen. „Wenn es sein muss, dann gebe ich meine englische Staatsbürgerschaft ab. Ich gehöre einfach nach München. So ist das!“
Für Wiseman ist die Entscheidung mit dem Heimatgefühl verbunden, für Silvio Jose Rojas Garcia (33) mit der Aussicht auf eine bessere Zukunft als in seinem Heimatland. Garcia ist in Venezuela geboren und aufgewachsen. Was mit einem Auslandssemester begonnen hat, endete mit einem Masterstudium in Berlin. Beruflich hat es ihn dann nach Bayern verschlagen. Seit sieben Jahren lebt der Ingenieur nun in Deutschland. Nach Venezuela zurückzukehren, ist für ihn keine Option mehr. Die aktuelle politische Lage ist zu unsicher, eine humanitäre Krise droht. Deutschland ist ein stabiles Land. Und Bayern hat er als ein buntes, vielfältiges Bundesland erlebt. Das betrifft auch die Wirtschaft. „Sie suchen Leute, die anders denken und eine neue Perspektive auf Dinge zeigen können“, erklärt er. Seine Freundin begleitet ihn heute. Er bestellt sich ein Glas Bier. Dann fügt er hinzu: „Was uns eigentlich alle im Saal vereint, sind die Werte, die in der Verfassung verankert sind.“
Um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen, müssen viele Voraussetzungen erfüllt sein. Neben dem dauerhaften Aufenthaltsrecht sind unter anderem Kenntnisse über die Rechts- und Gesellschaftsordnung, Sprachkenntnisse und die Sicherung des eigenen Lebensunterhalts nachzuweisen. Das bedeutet auch, dass alle anwesenden Gäste mit der deutschen Kultur und dem Rechtssystem vertraut sind.
Anaissa Ali (38) kennt Deutschland sehr gut. Die Qualitätsmanagerin stammt von Mayotte – einer Insel nördlich von Madagaskar. Sie lebt bereits seit über 15 Jahren hier. Die Schule hat sie auch in Deutschland besucht. „Mein Sohn ist hier geboren und wächst in München auf.“ Sie lacht – dann wird sie kurz ernst. „Ich spreche mit Freunden und Bekannten im Alltag oft über politische Themen. Ich möchte selber aktiv werden und das Land mitgestalten. Jetzt kann ich endlich wählen gehen. Das ist sehr wichtig für mich.“
Für Bürgermeister Reiter ist die deutsche Staatsbürgerschaft nicht nur an Rechte, sondern auch an Pflichten gebunden. Er verweist auf die bevorstehende Europawahl im Mai. 2014 gingen weniger als 50 Prozent der Deutschen wählen, Reiter hebt den Zeigefinger. „Entweder wählen oder den Mund halten“, mahnt er. Denn diese Pflicht habe jeder Bürger einer funktionierenden Demokratie.