Namen ohne Ende

von Redaktion

PETER T. SCHMIDT

Wann waren Sie zuletzt am Johann-Wolfgang-von-Goethe-Platz? Oder in der Johann-Christoph-Friedrich-von-Schiller-Straße? Ersatzweise könnte ich auch nach der Ernst-Werner-von-Siemens-Allee fragen. Sie merken schon: Es sind Wortungetüme, die uns irgendwie vertraut und doch fremd vorkommen. Denn wir kennen diese Straßen und Plätze nun einmal bedeutend kürzer: Goetheplatz, Schillerstraße, Siemensallee. Markante Bezeichnungen, mit denen alles gesagt ist. Wohl niemand käme auf den Gedanken, die Goethestraße dem ehemaligen Fußballspieler Dietrich Goethe anzudichten, der vor 50 Jahren beim DDR-Meister Chemnitzer FC auflief. Ebenso wenig muss man befürchten, dass die Siemensallee auf den deutsch-britischen Naturforscher Wilhelm Siemens (1823–1883) zurückgeführt wird. Die Namensgeber waren berühmt genug, um für sich zu stehen, und die Straßenschilder blieben übersichtlich.

Irgendwann jedoch muss ein Sinneswandel über die Amtsstuben gekommen sein, in denen über neue Straßennamen nachgedacht wird. Plötzlich schien der Vorname immens wichtig. Und nun wimmelt es in Münchner Adressen nur so von Bindestrichen. Auffallend oft übrigens, wenn Frauen im Spiel sind. Da gibt es gleich vier Margarethes, nämlich Danzi, Steiff, Selenka und, noch um einen Bindestrich reicher, Schütte-Lihotzky, die auf arg länglichen Straßenschildern verewigt sind. Für die Marie-Luise-Kaschnitz-Straße mussten die städtischen Straßenschild-Aufsteller wahrscheinlich einen besonders stabilen Mast besorgen, damit das ausladende Schild bei Sturm nicht umkippt oder, schlimmer noch, sich wie ein Windfähnchen zu drehen beginnt und die Münchner in die Irre führt.

Ich möchte kein Ausländer sein, der im Vorbeifahren versucht, solch endlose Buchstabenfolgen in einer fremden Sprache zu erkennen. Und ich möchte nicht als Anwohner in jedes Formular, jede Internet-Bestellmaske und auf jeden Brief als Absender beispielsweise „Maria-Goeppert-Mayer-Straße“ eintragen müssen. Oder „Elisabeth-Mann-Borgese-Straße“. Die meisten Formulare haben gar nicht so viel Platz. So eine Adresse über eine schlechte Handyverbindung buchstabierend übermitteln zu wollen, ist zum Scheitern verurteilt.

Manchmal scheinen Straße und Namen sogar in einem krassen Missverhältnis zu stehen. Die Elisabeth-zu-Guttenberg-Straße beispielsweise ist 173 Meter lang. Das macht gerade mal 6,40 Meter pro Buchstabe. Und da sind die Bindestriche noch gar nicht mitgezählt. Der Rainer-Werner-Fassbinder-Platz schlägt sich kaum besser: 75 Quadratmeter pro Buchstabe. Dass es anders geht, zeigt die Ständlerstraße: 335 Meter pro Buchstabe.

Es könnte aber noch schlimmer kommen. Falls die nächste Wahl in Berlin ein schwarz-grünes Bündnis hervorbringt, droht uns am Ende noch der Annegret-Kramp-Karrenbauer-und-Katrin-Göring-Eckardt-Anger.

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