Die First Ladys der Münchner Justiz

von Redaktion

Erstmals werden sowohl das Landgericht als auch das Amtsgericht von Präsidentinnen geführt

Zwei Frauen an der Spitze der Münchner Gerichte: Das gab es bisher noch nie. Doch zwischen Justizpalast und Lenbachplatz regiert jetzt Frauenpower: Beate Ehrt (52) leitet seit Februar 2018 das Amtsgericht, Andrea Schmidt (59) seit Ende September 2018 das Landgericht. Was machen sie anders und was treibt sie an?

Frau Ehrt, Sie sind die erste Frau überhaupt, die Deutschlands größtes Amtsgericht leitet. Was bedeutet das für Sie?

Ehrt: Das ist eine echte Herausforderung. Möglicherweise, weil ich die erste Frau bin, schauen andere von außen auch mehr hin. Im Alltag, bei der Arbeit, spüre ich das nicht mehr. Aber von Kolleginnen weiß ich, dass es für die Frauen etwas Besonderes ist – ganz gleich, ob es Richterinnen, Rechtspflegerinnen oder Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle sind.

Wie kommt das?

Ehrt: Sicher daher, dass Frauen sich anders repräsentiert und wahrgenommen fühlen. Daraus schließe ich auch, dass es einen Unterschied macht, ob eine Frau oder ein Mann in einer Führungsposition ist.

Herrscht im Amtsgericht nun ein anderer Geist?

Ehrt: Mit jeder neuen Person gibt es eine Veränderung, weil jeder eine andere Handschrift und Herangehensweise hat. In meinem Fall war es dann auch ein Generationenwechsel.

Frau Schmidt, Sie sind bereits die dritte Präsidentin des Landgerichts.

Schmidt: Ich war 17 Jahre im Landgericht tätig, habe beide Vorgängerinnen erlebt. Sie waren beeindruckende und starke Frauen, haben mich sehr geprägt und gefördert. Dass jetzt die beiden größten bayerischen Gerichte von Präsidentinnen geleitet werden, ist ein deutliches Signal für alle Frauen in der bayerischen Justiz.

Inwiefern?

Schmidt: Ich glaube, Frauen fehlt es immer noch an Vorbildern. Ich sehe mich in dieser Rolle und werde mich bemühen, dass ich dem gerecht werde. Frauen in solchen Führungspositionen prägen, ermuntern und fordern auf – sie sind ein Ansporn für andere Frauen. Ein Mann fragt nicht so oft, ob er einer neuen Aufgabe gewachsen ist. Frauen zweifeln häufiger an sich und sind zurückhaltender. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Manchmal muss man uns aus der Reserve locken.

Was machen Sie anders als Ihre Vorgänger?

Schmidt: Das Führungsverhalten wird von der eigenen Persönlichkeit bestimmt, egal ob Frau oder Mann. Ich bin relativ direkt, aber dann wissen die Leute auch gleich, woran sie sind. Ich denke aber, dass es schon einen gewissen Unterschied gibt zwischen typisch männlichem und typisch weiblichem Führungsstil. Teamorientiert und mitarbeiterbezogen zu arbeiten, Empathie zeigen: Das kennzeichnet Frauen in Führungspositionen schon eher. Am besten arbeiten aber gemischte Teams, darum freue ich mich, dass ich einen Mann als Vizepräsidenten habe. Ehrt: Ich habe klare Vorstellungen und mache Pläne, was ich kurz-, mittel- und langfristig erreichen will. Diese Agenda sehe ich mir über das Jahr immer wieder an, um sie abzuarbeiten. Am Ende sehe ich: Was ist gelungen – und wie packe ich das nächste Jahr an?

Wie sieht Ihr Alltag als Präsidentin aus?

Ehrt: Kurz gesagt: reden, reden, reden. Das Amtsgericht hat rund 1200 Beschäftigte, es besteht ein hoher Gesprächsbedarf. Ich bin überzeugt, dass man das Beste erreichen kann, wenn man sehr teamorientiert arbeitet – und möglichst alle mitnimmt. Wertschätzung und Motivation zu vermitteln, ist mir wichtig. Schmidt: Auch ich pflege ein hohes Maß an Kommunikation, das ist die Hauptaufgabe. Nach fünf Monaten im Amt bin ich noch in der Orientierungsphase und versuche, alle kennenzulernen. Ein intensiver Kontakt ist wichtig, um alle möglichst gut zu fördern und passgenau einzusetzen. Und ich bin auch im ständigen Kontakt mit dem Oberlandesgericht und dem Personalreferat des Justizministeriums.

Was sind Ihre wichtigsten Aufgaben?

Ehrt: Rechtsprechung ist nur noch ein kleiner Teil meiner Arbeit, etwa zehn Prozent. 70 Prozent sind Personalangelegenheiten. Der Rest entfällt auf Bausachen, Brandschutz und vor allem das wichtige Thema der Digitalisierung. Hier ist unser Ziel, dass wir irgendwann ganz ohne Papier arbeiten und die Gerichtsakte elektronisch wird. Ich glaube, dass die Digitalisierung viele Probleme in der Justiz lösen wird und eine riesige Chance ist. Schmidt: Aktuell liegt für mich der Schwerpunkt auf der Personalverwaltung im richterlichen Bereich. Ein Gericht funktioniert nur, wenn man die richtigen Leute auf der richtigen Stelle hat. Wir haben eine sehr hohe Fluktuation, jeden Monat kommen und gehen Richter. Man muss sich immer kümmern und zusehen, dass keine Lücken entstehen.

Haben Sie sich diesen Karriereweg gewünscht?

Schmidt: Ich habe nie irgendetwas konkret geplant. Das ist ja das Schöne an der bayerischen Justiz: Man kann oft die Position wechseln. Man muss offen bleiben für Neues und gute Leistungen bringen, dann macht man seinen Weg. Ich habe nie Nein gesagt, wenn ich aufgefordert wurde, eine neue Position zu übernehmen.

Frau Ehrt, Sie wollten eigentlich mal Grundschullehrerin werden.

Ehrt (lacht): Ja. Dass ich dann Gerichtspräsidentin wurde, hat sich so ergeben. Ich glaube, dass sehr viele Frauen kein Karriereziel haben. So war das bei mir auch. Aber ich war immer bereit, die Position zu wechseln und Verantwortung zu übernehmen, wenn ich gebraucht wurde.

Was raten Sie jungen Kolleginnen?

Ehrt: Man muss die Chancen ergreifen und nicht lange zögern. Keine Scheu, einfach machen.

Was mussten Sie entbehren für Ihre Laufbahn?

Ehrt: Es gab eine Zeit, in der ich über viele Jahre sehr fremdbestimmt war: als Sprecherin und als Büroleiterin im Justizministerium. Weil der Arbeitsaufwand so hoch war, konnte ich kaum etwas privat planen.

Wie ist es heute? Eine 40-Stunden-Woche haben Sie wohl kaum.

Ehrt: Nein, aber ich achte heute mehr auf mein Zeitmanagement. Als Präsidentin gehört es auch zu meinen Aufgaben, den jüngeren Kollegen zu vermitteln, dass es ein Leben neben dem Beruf gibt. Das muss man vorleben. Ich selbst habe eine hohe Belastung und bin eine schnelle Arbeiterin. Und wenn ich sage, ich gehe an einem Abend zu einem Konzert, dann tue ich das auch.

Frau Schmidt, wie war Ihre Entwicklung?

Schmidt: Ich war beruflich auch mehrfach im Ministerium tätig. Als ich Kinder bekam, habe ich 15 Jahre lang halbtags gearbeitet. Die bayerische Justiz ist da sehr fortschrittlich. Man muss nicht entscheiden zwischen Kindern und Karriere, sondern kann beides haben. Das ist eine sehr schöne Entwicklung.

Das macht es für Frauen einfacher.

Schmidt: Ja, aber nicht nur für Frauen. Zunehmend nutzen bei uns auch Männer Eltern- oder Teilzeit. Wer Karriere und Familie haben will, braucht ein sehr gutes Zeitmanagement. Ich habe meine Kinder auch mal ins Büro und in die Verhandlung mitgenommen, die haben das geliebt. Sogar beim Termin mit dem Personalchef waren sie dabei – und haben Schokoladen-Kekse gegessen und die Stühle verschmiert.

Das Gespräch führte Andreas Thieme

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