Zwischen Tradition und Moderne

von Redaktion

Rund 300 Genossen und geladene Gäste feiern am Freitagabend den 150. Geburtstag der Münchner SPD. Alt-OB Hans-Jochen Vogel erhält viel Beifall für seine Video-Botschaft. Das Bühnenprogramm steht im Zeichen des Kampfes für demokratische Werte und gegen rechts.

VON KLAUS VICK

Der Saal der Alten Kongresshalle ist an diesem Abend symbolträchtig in rotes Licht getaucht. Auf der Leinwand prangt über dem Logo „München SPD“ groß eine Jahreszahl: 1869. Damals, am 1. März 1869, haben sich in der Nordendhalle in der Maxvorstadt 200 Menschen zur „Besprechung der Arbeiterfrage“ zusammengefunden. Am Ende treten 70 von ihnen dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein bei. Der Tag gilt als das Gründungsdatum der Münchner SPD.

Die Inszenierung des Festprogramms 150 Jahre später kommt natürlich nicht ohne eine Replik an die Historie aus. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass Beginn und Ende des offiziellen Teils der Veranstaltung nicht unterschiedlicher sein könnten. Am Anfang marschieren die Schäffler zu den Klängen des Defiliermarsches ein, den Schlussakt bildet der junge Genosse und Poetry-Künstler Darryl Kiermeier. Er befasst sich mit Sexismus und Gleichberechtigung. Es ist auch ein Abend, an dem die SPD zwischen Tradition und Moderne wandelt. An dem junge Parteimitglieder mit durchaus provokanten Beiträgen zu Wort kommen, an dem die stellvertretende Juso-Vorsitzende Carmen Wegge charmant und schnippisch-links moderiert. Aber auch ein Abend, an dem OB Dieter Reiter und Grandseigneur Hans-Jochen Vogel für ihre Reden gefeiert werden.

Der 93-jährige Alt-OB (1960 bis 1972) kann aufgrund seines fortgeschrittenen Alters nicht persönlich anwesend sein, wendet sich aber in einer Video-Botschaft mit Verve an die SPD-Mitglieder. Er verweist angesichts explodierender Miet- und Bodenpreise auf den in der Verfassung verankerten Grundsatz: „Eigentum verpflichtet.“ Wohnungsnot sei auch schon ein Begleiter seiner Amtszeit gewesen. Vogels Appell: „So wie man sich erfreulicherweise für Bienen engagieren kann, sollte man sich auch für Grund und Boden engagieren.“ Der Saal jubelt.

Reiter lobt zuvor Vogels „Mut und Weitsicht“. Und dessen Kampfeswillen, der ihn persönlich motiviere, sich für eine Reform des Bodenrechts einzusetzen. Reiter weiß aber auch: „Zu Vogels Zeit hat sich kaum Kritik geregt, wenn Wohnbaugebiete ausgewiesen wurden. Das erleben wir heute ganz anders.“ Zum Thema Mieten sagt der OB: „Es ist unerträglich, dass Menschen Angst haben müssen, ob sie sich ihre Bleibe noch leisten können.“

Ein anderer Alt-OB fehlt an diesem Abend. Christian Ude, Rathauschef von 1993 bis 2014, weilt derzeit in Äthiopien. Als Stiftungsrat der von Karl-Heinz Böhm gegründeten Aktion „Menschen für Menschen“ ist er in dem bitterarmen afrikanischen Land unterwegs. Bürgermeisterin Christine Strobl kramt unterdessen bei ihrer flammenden Rede auch ein Ude-Zitat heraus: „Die Stadt ist ein demokratisches Gemeinwesen und kein Wirtschaftsbetrieb“, hat der Alt-OB einmal gesagt, als er es verteidigte, die Stadtwerke in kommunaler Hand zu halten. Strobl lässt zudem den verstorbenen Alt-OB Schorsch Kronawitter aufleben. Dessen Wahlspruch war: „Die Menschlichkeit kommt vor der Rendite.“ Noch etwas ist ihr aber wichtig: Dass Münchens SPD nicht nur aus großen Oberbürgermeistern besteht und bestanden hat, sondern aus vielen engagierten Frauen. Sie selbst zählt natürlich auch dazu. Genauso wie die frühere Bürgermeisterin und Ehrenbürgerin Gertraud Burkert oder die ehemalige Stadtbaurätin Christiane Thalgott.

Wenig später singen die Münchner Genossen „Bella Ciao“ – das Lied der italienischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg und die Hymne antifaschistischer und sozialdemokratischer Bewegungen.

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