Ein Dreivierteljahr hat Stefanie Kramer gewartet, dann hat sie kapituliert. Nach 14 Jahren musste sie Ende vergangenen Jahres ihre Glockenbach-Apotheke in der Isarvorstadt schließen, weil sie kein Personal finden konnte. „Jetzt ist der Fachkräftemangel auch bei uns angekommen“, sagt die Münchnerin.
Stefanie Kramers Mitarbeiterinnen hatten im Frühjahr 2018 gekündigt, und sie fand einfach keine Nachfolger. „Eine ist in die Industrie gegangen, eine zur Regierung. Da gibt es bessere Arbeitszeiten.“ Samstags- und Notdienste gab es schon immer in Apotheken. Die zunehmende Bürokratie macht die Arbeit zusätzlich immer schwieriger und unattraktiver. „Wir brauchen deswegen heutzutage mehr Mitarbeiter für die gleiche Kundenzahl“, sagt Stefanie Kramer. Das verschärft das Fachkräfteproblem. Ein Beispiel aus dem Alltag: „Allein die Kasse dauert jeden Abend 25 Minuten, weil wir alles protokollieren müssen – auch wenn wir nur 2,50 Euro von einer in die andere Kasse legen“, erzählt Stefanie Kramer, die noch eine Filiale an der Brienner Straße betreibt.
Auch andere Apothekeninhaber können davon ein Lied singen. „Wenn wir beispielsweise eine Creme selber mischen, müssen wir jeden einzelnen Bestandteil vorher durch ein System auf Unbedenklichkeit überprüfen lassen und dies dokumentieren“, sagt Felix Denk von der Iris-Apotheke im Dreimühlenviertel. Jedes herausgegebene Medikament müsse neuerdings eingescannt werden und durch die Sicherheitsprüfung einer Datenbank gehen – „ein bürokratischer Aufwand ohne Ende.“
Personalmangel bei Apotheken: Am Absolventenmangel soll es laut Bayerischem Apothekerverband nicht direkt liegen. „Das Interesse an PTA-Schulen und Pharmazie-Studiengängen ist nach wie vor groß“, sagt Sprecher Thomas Metz. Auch er sagt: „Das Hauptproblem ist die zunehmende Arbeit und der damit verbundene größere Personalbedarf.“ Zusätzlich wanderten viele Fachkräfte ins Gesundheitswesen oder in die Industrie ab. Und die Online-Konkurrenz geht an der Branche auch nicht spurlos vorüber.
Im schlimmsten Fall führt der Fachkräftemangel zu Schließungen. Laut der Internetseite „Apotheke Adhoc“ ist die Apothekenzahl in Deutschland auf den tiefsten Stand seit über 30 Jahren gesunken. In den vergangenen zehn Jahren haben dem Bayerischen Apothekerverband zufolge rund zehn Prozent der Apotheken im Freistaat geschlossen. „Und das bei einer älter werdenden Gesellschaft, die auf Medikamente angewiesen ist“, sagt Thomas Metz. „Auf dem Land kann das brisant werden, wenn die einzige Apotheke im Ort schließt.“
In den Räumen der ehemaligen Glockenbach-Apotheke ist mittlerweile ein neues Geschäft eingezogen. Und für die Inhaberin Stefanie Kramer wird es nicht leichter. In ihrer zweiten Filiale an der Brienner Straße geht jetzt eine Mitarbeiterin in den Mutterschutz. „Da geht die Suche wieder los.“