Leben mit den Toten

von Redaktion

Friedhöfe sind nicht nur Orte der Trauer – sondern auch des blühenden Lebens. Wie viel auf einem Friedhof los ist und mit welchem Herzblut die Mitarbeiter ihre Arbeit machen, konnten die Besucher am Samstag auf dem Ostfriedhof erleben.

VON FELICITAS BOGNER

Franz Schmid (61) ist auf dem Ostfriedhof zu Hause. „I bin der Friedhof-Franzi, ihr könnt’s mich auch FF nennen“, sagt er und lacht. Mit Friedhof-Franzi zur Friedhof-Führung: Anlässlich des 200-jährigen Bestehens des kommunalen Friedhofs- und Bestattungswesens in München hatten die Städtischen Friedhöfe am Wochenende dazu eingeladen, hinter die Kulissen zu blicken. Dort arbeitet FF seit knapp 40 Jahren als Aufseher.

Sein Beruf ist pure Leidenschaft für ihn – und daran lässt er auch keinen Zweifel. Beinahe jeden Besucher kennt er persönlich, auch viele Verstorbene, die auf dem Ostfriedhof beigesetzt wurden, kannte er zu Lebzeiten. „Es gibt Wochen, in denen mindestens eine Beerdigung von jemandem ist, den ich kannte“, sagt Schmid. „Freilich ist das dann auch für mich traurig. Aber der Job ist der schönste auf der Welt. Man kann den Menschen in schweren Zeiten beistehen und sie auf ihrem Trauerweg begleiten.“

Wie groß die Leidenschaft ist, merken die Zuhörer seiner Gräberführung auch, wenn FF von seiner Wohnung erzählt, die direkt auf dem Ostfriedhof liegt. Für viele ist das eine gruselige Vorstellung, für ihn aber die tollste Lage zum Leben. „Es gibt kaum einen schöneren Ort als hier. Alles ist grün und ruhig, und man trifft immer viele Menschen, das gefällt mir besonders gut. Und wer sonst hat schon so einen riesigen Garten vor der Haustür“, fragt er und lacht.

Ob sich der Friedhof-Franzi nicht auch mal durch die tägliche Konfrontation mit dem Tod belastet fühlt? „Nein, auf keinen Fall. Natürlich fühle ich mit den Angehörigen mit. Das ist auch wichtig, aber wenn die Feuerwehr zu einem brennenden Haus fährt, dann weinen die ja auch nicht“, sagt die gute Seele des Ostfriedhofs.

Und damit ist er nicht allein. Auch Schmiede, Steinmetze, Floristen und viele mehr geben auf dem Friedhof alles. So wie Andreas Jüngling (55). Er leitet die Grabmalabteilung der Firma Steininger Steinmetz. Jährlich stellt er rund 100 Grabsteine her. Was neben der Kreativität besonders wichtig ist? Die Kunden. „Natürlich sind das immer trauernde Menschen. Aber die Dankbarkeit der Leute erfüllt mich jedes Mal aufs Neue.“

Michael von Stosch (29) ist Schmied und formt und klopft über heißen Flammen Eisen und Bronze zu verschnörkelten Blättern und Rosen. Die Werke sollen Teil eines Grabkreuzes werden. Der gelernte Metallbauer braucht für ein solches Kunstwerk zwischen 30 und 40 Stunden. „Was mir besonders Spaß an der Arbeit macht, ist das Gestalterische.“

Bernd Kalteis (44) wiederum arbeitet seit zwölf Jahren als Aufbahrer. Er ist ab der Übergabe vom Bestattungsinstitut für die Leichen verantwortlich. Auf ihm lasten teils schwere Entscheidungen. „Wenn Angehörige den Verstorbenen noch mal sehen möchten, ist es wichtig, dass ich einschätze, ob das ein zumutbares Bild ist oder nicht, und sie vor der Sargöffnung warne oder sogar davon abhalte. Letztendlich ist es aber immer die Entscheidung der Betroffenen.“ Kalteis macht seine Arbeit große Freude. „Selbst wenn das für manch einen komisch klingt. Aber es tut gut, Menschen in schweren Zeiten behilflich zu sein.“

Artikel 8 von 10