Alte Wunden wieder aufzureißen und all das in der Öffentlichkeit zu tun – dazu gehört viel Mut. Aber auch Überzeugung. Deshalb hat Nina Fuchs (36) ihre Geschichte aufgeschrieben und um Unterstützung gebeten. Denn im April 2013 war die Übersetzerin vergewaltigt worden – doch der Fall drohte nicht einmal vor Gericht zu kommen. Die Online-Petition, die Fuchs ins Leben rief, haben mittlerweile fast 100 000 Menschen unterzeichnet – vor einigen Wochen hatte sie der Generalstaatsanwaltschaft bereits einen Zwischenstand mitgeteilt. „Für mich war der Termin ein Erfolg“, erinnert sie sich. „Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, von den Behörden wirklich ernst genommen zu werden.“ Und es scheint so, als ob der öffentliche Druck nun doch eine neue Dynamik in die Ermittlungen bringt.
Mit Freunden hatte Fuchs in der 089-Bar am Maximiliansplatz gefeiert. Dort, glaubt sie, wurden ihr K.-o.-Tropfen ins Getränk gemischt. „Meine Erinnerungen setzen wieder ein, als ich im Gebüsch aufgewacht bin.“ Im Park gegenüber, die Unterhose an den Knien baumelnd. Vor ihr zwei Männer. Einer missbraucht sie, einer schaut zu.
Einen möglichen Täter hatte die Staatsanwaltschaft ermittelt, weil sein Sperma im Körper von Nina Fuchs war. Angeklagt wurde der Verdächtige, der aktuell wegen eines anderen Verbrechens bereits im Gefängnis sitzt, aber nicht. Weil er eisern schweigt. Weil das Opfer sich nur schwammig erinnert. Und weil es schwer nachzuweisen ist, dass er ihre Widerstandsunfähigkeit ausgenutzt hat und der Sex nicht einvernehmlich war. Also wurden die Ermittlungen eingestellt – auch deshalb, weil die Erfolgsaussichten angeblich nicht groß genug waren.
Über ihren Anwalt Reinhard Köppe legte Fuchs im März Beschwerde ein, die die Generalstaatsanwaltschaft seither prüft. „Wir werden uns intensiv mit der Sache beschäftigen“, versprach Oberstaatsanwalt Thomas Weith im April. Und nun kommt tatsächlich noch einmal Bewegung in den Fall: Bereits am Donnerstag kündigte die Staatsanwaltschaft München I weitere Ermittlungen an. Man werde „ergänzenden Gesichtspunkten nachgehen“, erklärte Sprecherin Anne Leiding. Die Staatsanwaltschaft wolle „nichts unversucht lassen“.
Es ist ein Hoffnungsschimmer für Fuchs. Für sie und für ihre fast 100 000 Mitstreiter wäre alles andere „ein Freifahrtschein für alle Täter“.
Gleichwohl dämpft die Staatsanwaltschaft zu hohe Erwartungen. Die Nachermittlungen bedeuten nicht etwa, dass man bisher etwas versäumt oder übersehen habe, erklärte Oberstaatsanwältin Anne Leiding. Sondern es gehe um die „ergebnisoffene Abklärung einzelner Aspekte“ des bisherigen Ermittlungsverfahrens. Es sei in diesem Zusammenhang jedoch „schwer vorstellbar, dass die Ergebnisse da völlig anders ausfallen“.
Wie lange die Nachermittlungen nun andauern werden, „ist schwer vorherzusagen“, betont Oberstaatsanwalt Klaus Ruhland, zugleich Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft. „Ich gehe allerdings schon von mehreren Wochen aus.“
Welche Details des Vergewaltigungsfalles nun noch geprüft werden, bleibt geheim. Auch die Polizei arbeitet nach Informationen unserer Zeitung nun aber wieder an dem Fall mit, die Akte ging zurück zur Staatsanwaltschaft. Erst, wenn der Fall fertig ermittelt ist, sagt Ruhland, werde – unter Berücksichtigung der neuen Ergebnisse – „eine Entscheidung über die Beschwerde erfolgen“, die Nina Fuchs eingelegt hatte.
Wohl erst im Sommer wird also klar sein, ob es doch noch zum Prozess kommt oder ob der Fall endgültig eingestellt wird. „Ich kann nicht verstehen, warum die Behörden so lange für die Prüfung brauchen“, sagt Fuchs. Im April noch habe die Generalstaatsanwaltschaft ihr versprochen, dass die Prüfung ihrer Beschwerde „innerhalb von zwei bis drei Wochen abgeschlossen“ sei. Jetzt dauert es deutlich länger. „Für mich ist das enttäuschend. Zumal mich die Behörde auch nicht persönlich informiert hat. Über die neue Entwicklung in meinem Fall habe ich erst aus den Medien erfahren.“