Hans-Georg Küppers (65) hat das Kulturreferat durch stürmische Zeiten gelenkt: In den zwölf Jahren seiner Amtszeit wurden Leuchtturmprojekte wie das NS-Dokuzentrum und die Erweiterung des Lenbachhauses realisiert und der Neubau des Volkstheaters sowie die Generalsanierung des Gasteigs in die Wege geleitet (siehe Kasten). Mit Beharrlichkeit und einer gehörigen Portion Ruhrpott-Charme hat der gebürtige Oberhausener sich dabei als Motivator und Moderator gezeigt, der eine breite Zustimmung für Projekte organisieren kann. Im Interview erklärt er, warum es ihm jetzt trotzdem reicht.
Herr Küppers, Sie haben mal gesagt: Everbody’s Darling ist everybody’s Depp. Jetzt scheinen Sie aber doch als jedermanns Liebling zu gehen.
Glauben Sie? Ne ne, das kann ich mir nicht vorstellen. Wir haben vieles richtig, aber es sicher nicht jedem recht gemacht. Was mich allerdings wirklich gefreut hat: Bei einer Preisverleihung kam ein Mann auf mich zu und meinte: „Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie. Und ich muss Ihnen sagen: Sie haben der Kultur in dieser Stadt richtig gutgetan.“ Und er hatte keinen Förderantrag in der Hand! (lacht). Ich dachte: schön. Einer empfindet das so. Das ist ja schon mal was.
Sie hatten drei Bedingungen für eine dritte Amtszeit als Kulturreferent gestellt: Dass Sie noch fit genug sind, dass es politisch gewollt ist und dass Ihre Frau Sie lässt. Und nun? Hat Ihre Frau Sie nicht mehr gelassen?
Letztendlich ist es ein viertes Szenario geworden. Ich habe gesagt: So viele Jahre immer ganz vorne – wenn man meine Zeit als Kulturdezernent in Bochum dazurechnet, waren es 21. Das zehrt an der Substanz. Es hat sich die vernünftige Einsicht eingestellt, dass es einen Zeitpunkt gibt, an dem man loslassen sollte.
Seit einem Vierteljahr teilen Sie sich die Termine mit Ihrem Nachfolger Anton Biebl. Läuft man da schon durchs Büro wie eine lahme Ente?
Nein, überhaupt nicht. Hier zum Beispiel (er klopft auf einen überquellenden Aktenordner) ist der Haushalt 2020, den wir jetzt schon einbringen mussten. Ich dachte, der Kelch würde an mir vorübergehen, aber weit gefehlt.
Wie viel wird die Stadt nächstes Jahr für die Kultur ausgeben?
Der Haushalt liegt jetzt bei 231 Millionen Euro – wenn er vom Stadtrat bewilligt wird.
Wieder eine Erhöhung, wie eigentlich jedes Jahr, seit Sie im Amt sind. Sind Sie stolz auf das, was Sie erreicht haben?
Worauf ich stolz bin, ist, dass wir ein gutes Verhältnis mit den Kunst- und Kulturschaffenden haben. Das mussten wir uns erarbeiten, und es hat funktioniert. Sie sehen in uns Partner. Das freut mich natürlich. Weil es auch ein bisschen spiegelt: Was die im Kulturreferat machen, hat schon Hand und Fuß.
Sie sprechen grundsätzlich vom „wir“. Viele sagen aber, dass das besonders an Ihnen selbst lag. An Ihrer Gabe, auf die Akteure zuzugehen, potenziellen Sprengstoff zwischen den Stadtratsfraktionen gar nicht erst zur Explosion kommen zu lassen.
Schön, wenn man das so sieht. Richtig ist, dass ich ganz oft die wichtigen Projekte früh mit allen Fraktionen, auch den kleinen, abgesprochen habe. Und Gegenargumente ernst genommen habe. Für mich war die Kommunikation entscheidend.
Sie sagten mal, der Referentenposten sei ein Knochenjob. Was ist das Schwierigste daran?
Ich bin Frühaufsteher, fange um sieben, halb acht an. Und natürlich gehört es im Kulturbereich dazu, Abendveranstaltungen zu besuchen. Wenn die Theaterpremiere anfängt, habe ich schon zwölf, 13 Stunden hinter mir. Oft muss ich bei Veranstaltungen zu Publikum sprechen, also hoch konzentriert sein. Und ich bin nie für mich. Es kommt immer jemand und sagt: „Gut, dass ich Sie mal treffe.“ Ich wusste ja, was auf mich zukommt, will mich also nicht beklagen. Aber auf die Knochen geht das mit der Zeit schon.
Auch in Ihrer Amtszeit gab es Kontroversen. Die Verpflichtung des umstrittenen Dirigenten Valery Gergiev. Die Querelen um die Art, wie Matthias Lilienthal in den Kammerspielen Theater macht: Derlei kann auf den Referenten zurückfallen – aber Sie haben sich nie wirklich eine blutige Nase geholt.
Das stimmt. Wobei ich sagen muss, wir haben eigentlich nie so richtig etwas in den Sand gesetzt. Und, um die Entscheidung für Gergiev als Beispiel zu nehmen: Man muss dazu stehen, wenn man etwas als richtig erachtet. Heute bejubeln ihn alle. Toll, dass es so ist, Qualität überzeugt eben. Da hat sich die Meinung gedreht – auch bei Matthias Lilienthal war das so. Und vielleicht tut es den Kolleginnen und Kollegen gut, dass sie die Sicherheit haben: Selbst wenn es einmal Gegenwind gibt – da ist jemand, auf den kannst du dich verlassen.
Als Nachfolgerin von Lilienthal haben Sie Barbara Mundel installiert. Sie war bereits Chefdramaturgin unter Frank Baumbauer. Ein Signal an die Kritiker, dass man sich auf alte Theater-Werte besinnt?
Ich wollte mit Barbara Mundel die Tradition, in der auch Matthias Lilienthal steht, fortführen – die Öffnung des Theaters. Das war zumindest ein Grund. Ich kenne ihr Programm noch nicht, sie wird vielleicht in einigen Bereichen nicht so experimentell sein wie Lilienthal. Aber alle, die geglaubt haben, es gibt jetzt eine Rolle rückwärts – die werden sich täuschen.
Die SPD und auch OB Dieter Reiter haben nach der Panne bei der Architekten-Vergabe gegen eine Generalsanierung des Gasteigs gestimmt. Wie sehr hat Sie das als Genosse gekränkt?
Das ist Demokratie. Meinungen können sich ändern. SPD und OB sind zu dem Schluss gekommen, dass eine Grundsanierung reicht. Ich, der ich für die Kultur zuständig bin, kann nur sagen: Das wäre kein Zukunftskonzept. Philharmonie, Stadtbibliothek, Volkshochschule müssen architektonisch neu aufgestellt werden. Was wir jetzt bauen, soll ja 30 Jahre halten, wenn wir 2025 dort eingezogen sind.
Die Themen Wohnraum und Verkehr scheinen in München alles zu überlagern. Haben Sie Angst, dass Ihr Nachfolger es schwer haben wird, sich dagegen zu behaupten?
Ganz einfach war es nie. Aber ich glaube, dass hier in der Stadt und auch in der Politik die Erkenntnis vorherrscht, dass ohne kulturellen Freiraum eine Stadt gar nicht existieren kann. Man stelle sich München ohne Galerien, Theater, Museen, Bibliotheken und Volkshochschulen vor. Diese Stadt hätte keine urbane Qualität. Kultur ist ein zentrales Element von Stadtentwicklung.
Sie haben Kultur immer in der Breite, in den Stadtvierteln verortet. Wenn man so will ein sehr sozialdemokratischer Ansatz. Aber die SPD schwindet, die Grünen sind auf dem Vormarsch. Gibt es so etwas wie einen grünen Kulturbegriff – und haben Sie am Ende Angst davor?
Das wollen wir erst einmal abwarten. Für meinen Kulturbegriff und auch den der SPD gilt das Stichwort der Teilhabegerechtigkeit. Ich möchte, dass den Menschen dort, wo sie zu Hause sind, die Möglichkeit gegeben wird, kulturell aktiv zu sein.
Die Generation unter 20 nutzt hauptsächlich Smartphone – und würde Ihre Aussage vom urbanen Charakter dank Stadtbibliotheken womöglich gar nicht unterschreiben. Wie erreicht eine Kulturverwaltung diese Generation?
Zum einen können wir die digitale Uhr nicht mehr zurückdrehen. Wir müssen die modernen Medien also für unsere Kulturarbeit nutzen. In nicht allzu ferner Zukunft wird es virtuelle Rundgänge durchs Lenbachhaus geben. Zum anderen ist aber unsere eigentliche Stärke etwas, das kein digitales Medium hat: das reale Erleben, die Begegnung untereinander. Diesen analogen Raum müssen wir weiter stärken. Ich bin der Überzeugung – vielleicht weil ich schon so alt bin: Die Sehnsucht nach Austausch, nach realen Begegnungen wird sich im digitalen Zeitalter sogar erhöhen.
Die Kunstfreiheit steht im Internet stark unter Beschuss, und nicht nur da: mit dem Erstarken der AfD auch in den Kommunalparlamenten. AfD-Chef Meuthen spricht von einem „linksversifften Kunstkadaver“. Wie begegnet man dieser Hetze?
In der Tat ist es so, dass einige Parteien die Freiheit der Kunst aushebeln wollen. Und damit ist auch unsere demokratische, weltoffene Gesellschaft gemeint. Wir müssen sie verteidigen – in den kommenden Jahren noch stärker, als es bisher der Fall war. Ich bin mit einer Äußerung schon angeeckt, will sie aber noch mal wiederholen: Wir dürfen nicht neutral sein. Wir müssen uns diesen Kräften entgegenstellen.
Predigt Kultur nicht immer nur zu den bereits Konvertierten? Wie erreicht man die anderen?
Die Gefahr ist groß. Darum ist eines meiner Ziele auch immer gewesen, statt einer „Komm-Struktur“ eine „Geh-Struktur“ zu entwickeln. Nicht zu warten: Wer kommt zu uns? Sondern rauszugehen, sich in den Stadtvierteln zu präsentieren. Also etwas, was beispielsweise Matthias Lilienthal mit den Kammerspielen gemacht hat. Oder die Kunstprojekte im öffentlichen Raum. Solche Experimente und Begegnungen bedeuten viel Arbeit, aber die ist gut investiert.
Werden Sie in München bleiben?
Auf jeden Fall. Es gibt keinen Grund, eine so attraktive, lebendige Stadt zu verlassen – auch wenn ich dem Ruhrgebiet immer am meisten verbunden bleiben werde.
Auf was freuen Sie sich im Ruhestand am meisten?
Wenn man in Rente geht, kann man vieles tun, aber man muss nicht – das betrifft auch das kulturelle Angebot. Und dann kann ich noch etwas sehr Schönes: Ich kann Fehler machen, und sie stehen nicht gleich in der Zeitung.
Interview: Johannes Löhr