Mit wummernden Bässen und schrillen Höhen tönt der Village-People-Klassiker „YMCA“ durch die Innenstadt. Die Straßen der Stadt sind voll, ein bunter Paradiesvogel nach dem anderen präsentiert sich am Samstag auf dem Christopher Street Day (CSD) in der Landeshauptstadt von seiner schillerndsten Seite. Wie jedes Jahr demonstrieren Schwule, Lesben, trans- und bisexuelle Menschen beim CSD für Gleichberechtigung und sexuelle Toleranz.
Doch dieses Jahr ist es eine ganz besondere Parade, wie auch Oberbürgermeister Dieter Reiter (61) bei seiner Rede betont: „Wir feiern heute nicht nur 50 Jahre nach Stonewall, sondern auch 40 Jahre Christopher Street Day, 35 Jahre Aids-Hilfe und 35 Jahre Lesben-Telefon München.“ Weiter sagt er: „Wir sind weit gekommen, aber wir sind noch lange nicht am Ende unseres Ziels.“
Was Reiter speziell für München erreichen will, verrät er unserer Zeitung kurz bevor wir auf den farbenfroh geschmückten Truck von der CSD-Organisation hüpfen und die bunte Parade beginnt. „Arbeit ist vor allem noch bei großen Unternehmen zu leisten. Es muss bei vielen endlich Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass homosexuell oder transgender zu sein, nicht weniger Leistung im Berufsleben bedeutet.“
Um Punkt zwölf geht es dann mit lauten Beats los. Die Gäste vom CSD-Wagen warten schon ungeduldig – und mit reichlich Prosecco und Co. ausgerüstet – darauf, dass sich der Party-Truck in Bewegung setzt. Das feierwütige Volk fängt an zu tanzen, zu singen und zu springen. Unser großer gelber Wagen wackelt und die Stimmung steigt – trotz strömenden Regens und heftiger Windböen. Obendrein geht es nicht nur auf den Lkws und Anhängern der Karawane lustig zu, auch die Straßen sind links und rechts von den Absperrungen gefüllt mit Schwulen, Lesben, Transen und Heteros.
Die einen ganz normal gekleidet, andere fast nackt oder als Dragqueens kostümiert jubeln der Parade unter unzähligen Regenschirmen zu und fangen Gummibärchen, Kondome und Kaugummis auf, die von den über 90 Wägen wie Konfetti in die Menge geworfen werden.
Als wir nach 90 Minuten in der Hochburg des bunten Münchens – dem Glockenbachviertel – angekommen sind, ist die Heiterkeit auf Hochtour. Hier geht’s jetzt erst richtig los. Beinahe aus jedem Wohnungsfenster hängen bunte Pride-Flaggen, in den Ampeln leuchten nicht die üblichen Symbole, sondern wir sehen gleichgeschlechtliche Ampelmännchen-Paare in Grün und Rot. Als es vorbei am Isartor in Richtung Viktualienmarkt geht, werden die Füße vom Tanzen und Hüpfen langsam träge. Nach über drei Stunden kommt der Zug am Rindermarkt an. Langsam strömen alle wieder zusammen und in sämtlichen Ecken der Altstadt geht’s weiter. Es rockt. An der Open-Air-Bühne am Marienplatz, in allen Gassen, in den Bars und Clubs.
Unterdessen gab es wie bereits 2018 Ärger um den Wagen der Gruppierung „Lesben und Schwule in der Union“ (LSU). Bei der Politparade sei der Wagen von einer Gruppe Menschen blockiert worden, wie die Polizei mitteilte. Anschließend seien die involvierten Personen kontrolliert worden. Ob es Festnahmen oder Anzeigen gab, konnte die Polizei zunächst nicht bestätigen. Im Vorjahr war der Wagen der Gruppe ebenfalls blockiert worden. Damals waren die CSU-Politiker dafür kritisiert worden, nicht genug für Minderheiten einzutreten und sich an Hetze zu beteiligen.
Schließlich setzt sich die Partystimmung aber durch. Alle feiern das ganze Wochenende unter dem gleichen Motto „50 years of Stonewall“. Und irgendwie ist klar: Heute ist nahezu alles erlaubt und je schriller, desto besser!