Wer unseren bairischen Dialekt nachhaltig pflegt und erforscht, muss gewürdigt werden: Wenn Finanz- und Heimatminister Albert Füracker (CSU) heute zur Verleihung des Dialektpreises Bayern einlädt, ist Anthony Rowley einer der Preisträger. Er stammt aus Großbritannien und ist in München Sprachwissenschaftler, der die bairischen Dialekte erforscht. Prof. Dr. Rowley ist auch Leiter der Redaktion des auf zehn Bände veranschlagten Bayerischen Wörterbuchs (BWB). Dass ausgerechnet ein Engländer BWB-Chef wurde, kommentiert Rowley gerne mit dem Scherz: „Vielleicht hat sich die Jury gedacht: ,Hauptsach’, es is koa Preiß!‘.“ Hier beantwortet Rowley einige Fragen zum Thema Dialekt.
Herr Rowley, macht Dialekt schlau?
Dialektsprecher sind vielleicht nicht immer schlauer, aber statistisch gesehen haben Dialektsprecher etwa bessere Schulergebnisse als Nur-Standardsprecher – die guten Pisa-Ergebnisse der Schweiz und Bayerns etwa wurden zum Teil darauf zurückgeführt, dass hier die Kinder auch Dialekt sprechen. Gewiss ist: Dialekt macht nicht dumm. Schiller und Goethe: beide Dialektsprecher. Es ist vor allem die interne Zweisprachigkeit – Dialekt und Schriftdeutsch – die schlau macht. Wer auch Dialekt spricht, hat immer mehr sprachliche Mittel zu Verfügung, um sich angemessen auszudrücken, als ein einsprachig Schriftsprachlicher.
Sollte ich als Dialektsprecher meine Kinder auch bairisch erziehen oder lieber doch hochdeutsch, damit sie es in der Schule leichter haben?
Mit Mehrsprachigkeit haben Kinder weltweit überhaupt keine Probleme. Es ist meiner Meinung nach überflüssig, mit ihnen nach der Schrift zu reden, damit sie es in der Schule besser haben. Zwei mögliche Nachteile: Wenn die Eltern nicht fließend hochsprachlich sind, entsteht manchmal so ein gestelztes und bürokratisch klingendes Deutsch, das unnatürlich wirkt und die Ausdrucksfähigkeit der Kinder einschränkt. Und Kinder merken natürlich, dass sie mit einer anderen Sprache angesprochen werden als der natürlichen Sprache der Eltern, was zu Ausgrenzungsgefühlen führen kann. Was für ein Vertrauensbeweis, mit den eigenen Kindern so zu reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist!
Fällt es Menschen, die Dialekt sprechen, leichter, neue Sprachen zu lernen?
Es ist schon so: Dialektsprecher kennen oft Aussprachen oder Konstruktionen, die ihnen erleichtern, eine Fremdsprache zu sprechen – Nasalvokale des Französischen, Mehrfachverneinung des Russischen, die richtige Aussprache des britischen „a“ – wie im bairischen Kaas – und anderes mehr. Und sie sind ja schon zweisprachig – mit jeder zusätzlichen Sprache wird es immer leichter.
Wie sehen Sie die Zukunft des bairischen Dialekts? Denken Sie, dass wieder mehr Kinder Dialekt sprechen werden, oder dass die Zahl der Kinder eher abnimmt?
Was die Zukunft des Dialekts angeht, bin ich ein vorsichtiger Optimist. Der Dialekt verkörpert die Identität als Bayer, und solange Bayern stolz auf ihre Kultur und Herkunft sind, wird es eine Sprachform geben, die das zum Ausdruck bringt. Aber alle Kollegen erkennen Gefahren. Kindergärten führen Kinder viel früher als einst – und oft mangels Ausbildung der Erziehungskräfte gnadenloser – an die Schriftsprache heran. Und in Großstädten wie München sind andere Faktoren für die Identität oft wichtiger als die Herkunft – ja: In städtischer Überheblichkeit wird gelegentlich auf Dialektsprecher herabgeschaut.
Das Gespräch führte Alexandra Haberstock.