Der DAV und seine Generation Zukunft

von Redaktion

Matthias Ballweg möchte den Alpenverein modernisieren und auch politisch lauter werden

VON KLAUS VICK

Um einen Eindruck zu bekommen, dass sich die Zeiten beim Deutschen Alpenverein (DAV) geändert haben, genügt ein Blick auf die Homepage. Dort findet man zum Beispiel ein digitales Schwarzes Brett mit verschiedenen Rubriken. Mitglieder bieten Ausrüstungsgegenstände an oder suchen Kletterpartner für die Halle beziehungsweise für Touren in freier Natur. Die meisten Einträge aber weist eine andere Rubrik auf: Bekanntschaften und Beziehungen.

Der DAV als Partnerbörse? Matthias Ballweg schmunzelt und sagt: „Na ja, auch ich habe meine Ehefrau beim Alpenverein kennengelernt.“ Und er kenne viele, die als Single Mitglied geworden und wenig später liiert gewesen seien. Natürlich kommt einem da sofort der Spruch in den Sinn, dass Bergkameradschaft verbindet. Das gilt ja auch noch in der Neuzeit und – wie man sieht – in einer durchaus erweiterten Ausprägung. Aber das nur nebenbei.

Matthias Ballweg jedenfalls ist der Mann, der vor vier Monaten bei der DAV-Sektion Oberland das Ruder übernommen hat. Der den Verein in die Zukunft führen, die Strukturen modernisieren soll. Der 33-Jährige steht an vorderster Stelle für die Verjüngung der siebenköpfigen Führungsriege der Bergsportler. Um 14 Jahre ist das Durchschnittsalter des Vorstandes nach dem Generationswechsel gesunken – obwohl mit Walter Bien (69) sogar noch ein „Oldie“ dabei ist. Man kann sagen, dass eine Ära zu Ende gegangen ist. Vorgänger Walter Treibel war 18 Jahre lang an der Spitze der DAV-Sektion Oberland.

Die Sektionen München und Oberland sind strukturell nicht mehr voneinander zu trennen. Sie haben eine gemeinsame Homepage. Und es ist auch nicht so, dass nur Münchner bei der Sektion München Mitglied werden können und Bergsportler aus den umliegenden Landkreisen nur in der Sektion Oberland. Formell gibt es aber noch zwei getrennte Vorstände. In München steht Günther Manstorfer (71) an der Spitze, mit dem Ballweg ein Führungstandem bildet.

Verjüngung bedeutet laut Ballweg allerdings nicht, dass die neuen Oberland-Leute am Wertekorsett des Alpenvereins rütteln wollen. Er sagt: „Wir haben uns alle Enzian und Edelweiß auf den Hintern tätowiert.“ Klar, die Heimat des Alpenvereins sind die Berge. Aber es gibt da eine Sache, die den gebürtigen Münchner ein wenig stört: Die Stimme des DAV in der Stadt ist ihm zu leise. „Wir sollten uns nicht zurückziehen, sondern aktiv einbringen.“ Gerade in Zeiten, in denen der politische Alltag von einer Klimaschutz-Debatte bestimmt wird, aber in denen zugleich der Zeitgeist Outdoor-Sportarten boomen lässt. Und – um nur mal eine Größenordnung zu nennen: Die beiden Sektionen München und Oberland vereinen 180 000 Mitglieder.

Ballweg hält es für richtig, dass der DAV Stellung gegen die Erschließung des Riedberger Horns oder die Olympia-Bewerbung bezogen hat. Sein Credo: Einmischen bei umweltpolitisch relevanten Themen. Doch Ballweg ist nicht betriebsblind: „Wir müssen uns auch selbstkritisch hinterfragen.“ Er weiß, dass der DAV eine tragende Rolle bei der Erschließung der Alpen gespielt hat. Und er weiß, dass das umfangreiche Vereinsprogramm – egal ob Kletter-, Wander-, Ski- oder Eistouren – den Besuchsdruck in den Bergen nicht unbedingt mindert.

Aber er glaubt auch: „Wenn wir das nicht machen, würden es kommerzielle Anbieter übernehmen.“ Und der DAV verfüge über die Kompetenz, „den Spagat zwischen der Nutzung der Alpen und dem Umweltschutzgedanken zu managen“. Für Ballweg gibt es eine klare Grenzziehung: „Ich wende mich gegen jede Eventisierung der Alpen. Ich will kein zusätzliches Spektakel in den Bergen.“ Oder weitere Schneekanonen.

Für das neue Vorstandsteam geht es auch um Grundsatzfragen. Ballweg nennt ein Beispiel: „Welches Zielbild verkörpern wir als DAV?“ Muss man immer mindestens zwei Stunden weit reisen, um bergsportlich aktiv zu sein? Kann nicht auch der Nahbereich besser für die Mitglieder erschlossen werden? In München gibt es zum Beispiel seit Langem eine Debatte über die Isar-Trails. Ballweg hält nichts davon, rigide Schranken einzuziehen und das Mountainbiken zu verbieten. „Das funktioniert nicht.“ Stattdessen: „Sensible Bereiche absperren und die restlichen Wege freigeben.“

Seine Stimme will der DAV-Vorsitzende künftig auch bei den Sportgesprächen der Stadt stärker einbringen. Was für den Alpenverein ebenfalls Neuland ist, weil er in der Vergangenheit schlichtweg gar nicht daran teilgenommen hat – angesichts der DAV-Mitgliederzahl durchaus erstaunlich. Andererseits liegen die Berge ja nicht in München. Die Kletterhalle in Thalkirchen schon. Der Alpenverein will sie umbauen (siehe Bericht unten). Ein baurechtlich schwieriges Unterfangen, wie sich aktuell herausstellt.

Mag sein, dass Ballweg bei dem einen oder anderen DAV-Mitglied mit seinen Ansichten aneckt. Zielstrebig aber war er schon immer – wie es sich für einen Bergsteiger gehört. Im Alter von zehn Jahren kam er zum DAV, wurde schon mit 20 Jugendreferent. „Das hat mich brutal geprägt“, erklärt der Betriebswirt. Ballweg hat auch beruflich Karriere gemacht. Acht Jahre lang war er Unternehmensberater bei McKinsey. 2017 ging er zu MAN, ist mittlerweile Strategieleiter bei dem Konzern. Der 33-Jährige hat über „Alphatier-Verhalten in Vorständen“ promoviert. Er will nicht behaupten, dass die Berge für ihn ein Ausgleich zum harten Alltag im Job sind. Denn sie haben schon immer zum Leben des zweifachen Familienvaters gehört. Nur so viel: „Die Berge haben etwas Inspirierendes.“

Beim DAV habe ihm immer auch der politische Aspekt Spaß gemacht, sagt Ballweg. Daher hat er nicht gezögert, Verantwortung zu übernehmen. In einem Gremium, bei dem nun zwei von sieben Vorstandsmitgliedern Frauen sind. Klingt nach sehr wenig, bedeutet aber für den DAV einen historischen Höchstwert, woran man sieht: In mancher Hinsicht ist der Alpenverein vielleicht doch noch nicht in der Zukunft angekommen.

„Wir müssen uns auch selbstkritisch hinterfragen“

„Ich will nicht noch mehr Spektakel in den Bergen“

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