Wenn die Seele streikt

von Redaktion

Die Ferien sind zu Ende, nun drohen wieder Ärger in der Arbeit, Probleme daheim, Stau auf der Straße. Vielen Menschen wird der Stress zu viel, sie werden krank. In Bayern waren psychische Erkrankungen wie Depressionen 2017 laut DAK-Gesundheitsreport die zweithäufigste Ursache dafür, dass Arbeitnehmer im Job fehlten. So erging es auch den Münchnern auf dieser Seite.

VON DANIELA SCHMITT

Am 28. Mai 2011 übernahm Edgars R.s Körper das Kommando. „Ich war auf dem Weg zur S-Bahn“, sagt der Laimer (47). „Auf der Friedenheimer Brücke konnte ich plötzlich den nächsten Schritt nicht mehr machen. Mein Körper gehorchte mir nicht mehr.“ Er war damals 39. Und am Ende.

Der Sohn einer Akademiker-Familie mit fünf Kindern wuchs im Münchner Speckgürtel auf. „Der Leistungsgedanke wurde mir in die Wiege gelegt“, sagt er. Und damit eine unbewusste, allumfassende Lebensangst: „Ich hatte ständig Angst zu versagen.“ Er machte stets ein bisschen mehr als er musste. In der stressigsten Phase pendelte er als Abteilungsleiter einer Verlagsgruppe zwischen Hamburg und München hin und her, holte am Wochenende die Zeit mit der Familie nach. Das Heimtückische: „Man merkt nicht, wie schlecht es um einen steht.“

Nach dem Kollaps auf der Brücke ging er zum Arzt. Diagnose: Erschöpfungsdepression – Burn-out. R. machte eine Verhaltenstherapie, stellte sein Leben um. Heute arbeitet er als Organisationsberater, lebt achtsamer und engagiert sich in der Burn-out-Selbsthilfe (www.yourway2life.de). So erinnert er sich stets an die hohe Rückfallgefahr: „Ich war und bin arbeitssüchtig. Und eine Sucht begleitet einen sein Leben lang.“

Der Arbeitsweg wird zur Qual

Als es Florian W. richtig schlecht ging, scheiterte er am Weg von seiner Wohnung zum Briefkasten. „Ich schaffte es aus der Haustür raus, drehte mich um, ging zur Toilette und übergab mich“, sagt der 48-Jährige. Angefangen hat alles mit Problemen in der Arbeit, erzählt der ehemalige IT-Einkäufer. „Ich war ein ziemlicher Workaholic. Meine Abteilung wurde verkleinert. Ich hatte mit Mobbing zu kämpfen.“ Der tägliche Arbeitsweg wurde zur Qual. W. wurde krank. Das Arbeitsverhältnis endete mit einem Aufhebungsvertrag.

Er machte eine Pause, blieb erst mal daheim. „Ich habe Tag und Nacht Computer gespielt.“ Er kümmerte sich nicht um seine Post, ließ Fristen verstreichen, verschuldete sich. Immer wieder unternahm er Anläufe, sich selbst aus dem Loch zu ziehen, in dem er saß. Bis sich das nächste Loch auftat. Scham und Selbsthass isolierten ihn.

W. machte Therapien, bekam Medikamente. Erst nach Jahren fand er die für ihn passende Unterstützung. „Mein Betreuer von der Caritas kam zu mir, hat Tee getrunken, während ich mit zitternden Fingern meine Briefe aufgemacht habe.“ Ein erster Schritt. Es folgten viele Gespräche. Er lernte, Hilfe anzunehmen. „Es war ein harter Weg, aber es war mein Weg.“

Monatelang in der Tagesklinik

Karolina De Valerio stand die Welt offen: Sie hatte ihre Doktorarbeit geschrieben und als Referendarin am Gymnasium begonnen. Wie schlimm es um sie stand, wusste keiner. „Die Doktorarbeit ging mit viel Stress und Selbstausbeutung zu Ende“, sagt die 57-Jährige. Tagsüber arbeitete sie, nachts lernte sie für die mündliche Prüfung. Sie schlief kaum, hatte Versagensängste. Als sie in der Aula ein Gerüst hochklettern wollte, wurde sie in eine Klinik eingeliefert. Nervenzusammenbruch. Erst später erhielt sie die Diagnose: schwere Depression. Mit 30 musste sie wieder bei null anfangen.

Stets an ihrer Seite: ihr Mann. „Wir haben Listen geschrieben, die vorgaben, was ich jeden Tag erledigen sollte.“ Fast 15 Monate war sie in einer Tagesklinik in Behandlung. „Der Wendepunkt kam erst, als ich mir das Schicksal meines Vaters vor Augen geführt haben. Er war auch depressiv, und ich habe mir gesagt: So möchte ich niemals enden.“ Heute ist die Isarvorstädterin nicht gesund. „Aber gesünder.“ Sie unterstützt beim Bündnis gegen Depression Betroffene beim Kampf gegen die Krankheit. Der Verein veranstaltet vom 8. bis 18. Oktober die Woche für Seelische Gesundheit (www.woche-seelische-gesundheit.de).

Wie man sich vor Stress schützt

Damit es erst gar nicht zu Erkrankungen kommt, sollte man achtsam mit dem Körper umgehen. Schon mit einfachen Tricks kann man zu mehr Gelassenheit gelangen: Überdenken Sie Ihre eigenen Ansprüche und Ziele. Setzen Sie sich selbst unter Druck und lösen damit Stress aus? Sagen Sie auch mal Nein! Sind Sie immer zur Stelle, laufen Sie Gefahr, ausgenutzt zu werden. Achten Sie auch auf eine ausgewogene Ernährung.

Und: Lachen hilft. Auch wenn’s komisch klingt: Ist Ihnen nicht nach Lachen zumute, versuchen Sie’s mit einem künstlichen Lachen. Auch das kann schon zur Entspannung beitragen. Zudem eignen sich besonders meditative Sportarten und Ausdauersport, um einen klaren Kopf zu bekommen. Aber Vorsicht: Überanstrengung bedeutet zusätzlichen Stress für den Körper.

Artikel 5 von 7