Gerhard Hirtz (73) versucht sich nichts anmerken zu lassen. Der Mann mit der Sonnenbrille und der Kappe steht am Samstagnachmittag mit versteinerter Miene an der Kreuzung des Bahnhofplatzes mit der Bayerstraße und zündet eine Kerze an einem weißen „Geisterrad“ an – einem Mahnmal, das für verunglückte Radfahrer aufgestellt wird. Daran lehnt das Foto einer jungen, hübschen, lachenden Frau. Wie es in Gerhard Hirtz aussieht, kann man nicht einmal erahnen. Die junge Frau ist seine Tochter Pia. Sie starb vor zwei Wochen im Alter von 32 Jahren genau an dieser Stelle. Ein Sattelzug überfuhr die Radfahrerin.
Am Samstag trauern Angehörige, Freunde und Anhänger des Bündnisses Radentscheid bei einer Mahnwache um die Münchnerin. Sie fordern die Politik erneut vehement dazu auf, den Radverkehr in München sicherer zu machen. Deshalb haben sie das „Ghostbike“ aufgestellt, wieder einmal. In München wurden in den vergangenen Jahren mehr als ein Dutzend weiße Räder aufgestellt.
„Der Schmerz ist groß“, sagt Gerhard Hirtz knapp. Unermesslich groß. Denn der Mann trauert bereits das zweite Mal um ein Kind. Vor sechs Jahren starb schon einmal eine Tochter des 73-Jährigen. Das Mädchen kam damals bei einem Autounfall in Franken ums Leben. Für ihn wiederholt sich ein Albtraum.
Pia Hirtz arbeitete als Tierärztin an der Medizinischen Kleintierklinik der Ludwig-Maximilians-Universität, war seit Kurzem Doktorandin. „Ihr ging es gut, ihr Motto war ,Mir gehört die Welt‘“, erzählt der Vater. Die beiden verstanden sich sehr gut, gingen gerne auf Reisen. Auch einer der drei Brüder Pias, viele ihrer Freundinnen, Aktivisten des Radentscheids und Passanten sind zur Mahnwache gekommen. Sie versuchen, sich in dieser schweren Zeit gegenseitig Halt zu geben. „Ich wünsche mir, dass der Radverkehr in München endlich sicherer wird“, sagt Gerhard Hirtz. Er könne sich vorstellen, dass Autos und Radler durch bauliche Maßnahmen strikt voneinander getrennt werden. Auch das Rechtsabbiege-Verbot für Lkw ohne Abbiege-Assistenten, das kürzlich von der SPD ins Spiel gebracht wurde, oder sogar ein komplettes Verbot in Städten würde der 73-Jährige begrüßen.
Wie berichtet, setzt Wien ein deutliches Zeichen gegen Lkw ohne die Abbiege-Hilfe: Ab Frühjahr 2020 soll ein Rechtsabbiegeverbot für alle Fahrzeuge über 7,5 Tonnen in Kraft treten, die über kein entsprechendes System verfügen. Die Münchner SPD-Fraktion will auch für die bayerische Landeshauptstadt einen Antrag dazu einreichen. OB Dieter Reiter (SPD) soll sich dafür einsetzen, die rechtlichen Voraussetzungen für ein Verbot zu schaffen.
Deutliche Worte findet bei der Mahnwache Martin Laschewski (36) vom Radentscheid: „Das ist ein Tod, der hätte verhindert werden können“, sagt er. Die Stadt müsse zu ihrer Entscheidung stehen und an dem Ziel, dass es keine Verkehrstoten mehr gibt, arbeiten. „Es gibt Länder, die haben das geschafft, und wir hinken deutlich hinterher.“ Er wünsche sich von ganzem Herzen, dass die Radaktivisten an diesem Samstag das allerletzte „Ghostbike“ aufstellen mussten. „Ich hoffe, wir haben ein Zeichen gesetzt.“
Auch Anton Schnürer nimmt an der Mahnwache teil. Er musste genau vor drei Jahren seine Tochter beerdigen, die als Radfahrerin in Moosach von einem Lkw erfasst worden war. Er sagt: „Ich fordere die Stadt, die Politik und Verkehrsminister Scheuer persönlich auf, endlich etwas zu tun. Radfahren in München muss Spaß machen und für alle ungefährlich sein.“