Neulich beim Bäcker sagte ein Handwerker zu seinem Spezl: „Du bist vielleicht a kindische Woikn!“ Der 1,95-Meter-zwei-Zentner-Mann hatte alle Macho-Klischees souverän ignoriert und sich einen rosafarbenen Lebkuchen gekauft. Kindisch zu sein, bedeutet einen Freifahrtschein zu besitzen für Handlungen und Haltungen, die ungewöhnlich sind. Und Wolken? Na ja, sie ziehen hin und her, erzählen mal vom Föhn, mal von Regensturzbächen und womöglich von drohenden Blitzen. Aber sie erzählen eben auch vom unendlichen Himmel über den Wolken – und von ihrer eigenen unendlichen Wandelbarkeit. Also geht’s wieder um Freiheit. Deswegen haben die Baiern mit ihrer Redewendung „kindische Woikn“ einen so poetischen wie inhaltlichen Treffer gelandet.
Obendrein ist die „kindische Woikn“ ausnahmsweise mal keine grantige Charakterisierung wie etwa „zrissnes Oxngschirr“, „doigada Aff“ oder „Schmoizdackl“. Die „kindischen Woikn“ werden zwar von niemandem ernst genommen und kommen niemals im Wetterbericht vor, dafür sind sie allseits beliebt. Mit ihnen kann nämlich jeder, ohne sich selbst (angeblich) zu blamieren, aus dem Alltag heraussegeln und wieder Kind sein. Diese Fantasie-, Ideen- und Mut-Waberwandel-Phänomene sind für uns alle ein seelen- und gemütshygienisches Lebenselixier. Die einen Wolken sorgen fürs lebenswichtige Nass, die anderen Wolken für die Erquickung unseres Gemüts.
Die eine fährt mit 80 in der Kinderkarussell-Kutsche, der andere isst mindestens einmal im Jahr Zuckerwatte – und ich raschle mich in jedem Herbst durch Laubhaufen. Klar, „coole“ Leute belächeln uns, aber die genüssliche Befriedigung und die stille Schmunzel-Gaudi haben wir „kindischen Woikn“. Und die tun einfach gut. Gibt es deswegen in bayerischen Barock-Himmeln so viele schöne rundliche Wolken, in denen viele kindliche Engel sitzen, spielen und spintisieren? Der Herrgott, Jesus und Maria – sie alle mögen diese (kindischen) Wolken, auf denen sie thronen.
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