Der unerträgliche Reiz moderner Zeiten

von Redaktion

CHRISTIAN UDE

Nein, nein und nochmals nein! Es ist nicht so, wie Sie denken; dass ich ein verstockter alter Mensch sei, der mit den modernen Zeiten hadert. Aber bei mancher Errungenschaft fragt man sich halt, ob sie wirklich eine ist. Und damit bin ich bei der Logistik-Branche im städtischen Raum. Was hatten wir da in der guten, alten Zeit schon für wunderbare Lösungen! Einmal am Tag kam auf einem gelben Fahrrad der Briefträger daher, um für sämtliche Mieter sämtliche Postkarten, Briefe und Päckchen abzuliefern. Der Münchner Schriftsteller Ernst Hoferichter, bei dem ich, um mein Taschengeld aufzubessern, oft nach der Schule im Garten Unkraut jätete, beschrieb die Stunden zuvor mit fast poetischer Wollust: „Nichts auf Erden ist schöner als das vormittägliche Warten auf das Klingeln des Geldbriefträgers.“ Kasse macht sinnlich, erklärte er mir seine freudige Erregung.

Heute spielt der Briefträger kaum mehr eine Rolle. Und es gibt auch keine himmlische Ruhe mehr nach seinem Besuch. Stattdessen sucht uns die Logistik-Branche heim. Nicht einmal am Tag wie zur guten alten Zeit, sondern andauernd, jedenfalls bei uns im Erdgeschoss. Wenn wir als Rentner das Privileg genießen wollen, erst einmal auszuschlafen, klingelt uns der erste Lieferant aus dem Bett. Natürlich hat er nichts für uns dabei, aber im dritten Stock ist niemand da, da können wir doch bitte… Natürlich geht es wieder nur um einen USB-Stick. Deshalb parkt der Lieferwagen draußen auf dem Bürgersteig, weil die letzte Hofeinfahrt schon von einem anderen Logistiker besetzt ist. Also gut, sagt man, geben Sie her… Das ist aber nur der Auftakt des heutigen Tagesprogramms. Kaum hat man sich in ein Buch eingelesen, klingelt es wieder. Im vierten Stock hat jemand eine DVD bestellt. Die Hoffnung, dass der Logistik-Branche wenigstens der Mittagsschlaf heilig sei, ist natürlich trügerisch. Der DHL-Bote drückt gleich auf sämtliche Knöpfe des Klingelbretts – Schleierfahndung nach Anwesenden. Nach der Vorfahrt eines weiteren Großtransporters, der einen Satz winzigster Batterien liefert, bleibe ich gleich in Hab-Acht-Stellung hinter der Wohnungstür stehen, um nicht noch einmal aus der Ruhe gerissen zu werden. Der nächste Logistiker fängt im Lieferprogramm wieder vorne an: noch ein USB-Stick, diesmal für den 2. Stock.

Nach Einbruch der Dunkelheit bleibt nur noch die Aufgabe, den heimkehrenden Hausbewohnern aufzulauern und die Lieferungen des Tages an sie zu verteilen. Dann neigt sich der Ganztagsjob eines unbezahlten Erdgeschoss-Logistik-Helfers tatsächlich dem Ende zu.

Übrigens hilft es auch nicht weiter, bei zugeparkten Bürgersteigen als Fußgänger einfach die Straßenseite zu wechseln. Da drüben leben nämlich auch Menschen, die immer wieder mal neue USB-Sticks, DVDs und Mini-Batterien brauchen. Der Fortschritt, sagte Günter Grass einmal, ist eine Schnecke. Manchmal ist er auch ein Monster.

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