Die Pille gegen HIV

von Redaktion

Seit September bezahlen die Krankenkassen eine Tablette, die vor HIV schützt. Wer auf diese „PrEP“ setzt, kann sich beim ungeschützten Verkehr nicht mehr mit dem Immunschwächevirus infizieren. Ist das eine Wunderwaffe? Unser Beitrag zum Welt-Aids-Tag an diesem Sonntag.

VON BARBARA NAZAREWSKA

Vor ein paar Monaten, da hatte ein guter Bekannter von Simon Enders*, 36, ungeschützten Geschlechtsverkehr – mit einem Fremden. Die beiden kannten sich nur flüchtig, doch nach ein paar Bier zu viel ging alles recht schnell. Nur wenige Wochen später stellte sich heraus, dass dieser Fremde mit HIV infiziert war. Und womöglich hätte er auch Simon Enders’ Bekannten angesteckt – doch der hatte vorgesorgt: mit PrEP. Gemeint sind kleine blaue Pillen, oval geformt, die in 99 Prozent der Fälle vor einer Infektion schützen. Wenn man sie korrekt einnimmt.

Simon Enders*, 36, Mediziner von Beruf, erzählt diese Geschichte gern, denn sie zeigt, dass man dem Immunschwächevirus nicht hilflos ausgeliefert ist – selbst wenn man das Kondom mal vergisst. Er selbst nimmt PrEP seit rund zweieinhalb Jahren. Damals war er noch Single, inzwischen lebt er in einer festen Beziehung, will aber trotzdem auf „diesen Schutz“ nicht verzichten. „Ich habe das lieber selbst in der Hand“, sagt er. Damit fühle er sich wohler.

Seit September gibt es die „Prä-Expositions-Prophylaxe“, so heißt PrEP mit vollem Namen, auf Rezept – allerdings nur für Risikogruppen. Dazu gehören unter anderem Männer, die mit anderen Männern Sex haben, oder Partner von unbehandelten HIV-Infizierten.

„Es ist unbestritten, dass die PrEP eine sehr zuverlässige Methode zur HIV-Prävention ist“, sagt Privatdozent Dr. Christoph Spinner, der das Interdisziplinäre HIV-Zentrum (IZAR) am Uni-Klinikum rechts der Isar in München leitet. Für London lägen sogar schon konkrete Zahlen vor; dort geben Mediziner seit vier Jahren die Prophylaxe-Pille an Risikogruppen ab: Allein zwischen 2015 und 2017 seien rund 80 Prozent weniger HIV-Neuinfektionen verzeichnet worden – durch die Verfügbarkeit von HIV-Tests, durch eine frühe HIV-Therapie und eben auch durch PrEP. Da es die blaue Pille hierzulande erst seit gut drei Monaten auf Rezept gibt, „können noch keine gesicherten Zahlen existieren“, sagt Spinner. Doch „in verschiedenen Ländern hat sich die Wirksamkeit im Alltag gezeigt.“

Gleichwohl ist die PrEP kein Universalmittel. Denn sie schützt, anders als Kondome, nicht vor anderen Geschlechtskrankheiten. „Insgesamt ist es tatsächlich so, dass die HIV-Neuansteckungen rückläufig sind – die Fallzahlen anderer Geschlechtskrankheiten jedoch steigen“, sagt Experte Spinner und bezieht sich dabei auf Angaben des Robert-Koch-Instituts. Für 2018 meldete das Institut deutschlandweit etwa 7349 Syphilis-Fälle, Anfang des Jahrhunderts lag diese Zahl noch bei rund 2000 pro Jahr. Allerdings zeigten zahlreiche Studien die Zunahme sexuell übertragbarer Erkrankungen schon weit vor der Markteinführung von PrEP. „Die Ursachen können also vielfältig sein“, sagt Spinner. Die „Veränderung des sozialen Datingverhaltens einschließlich Smartphones und Dating-Apps“ sei hier zu berücksichtigen. Gleichzeitig habe „die Angst vor HIV deutlich abgenommen“. Der Hauptgrund: Durch eine rechtzeitige Diagnose und Behandlung sei das Virus nicht mehr tödlich; die Betroffenen hätten in der Regel sogar eine normale Lebenserwartung.

Das weiß auch Simon Enders*. Eine HIV-Infektion will er dennoch nicht in Kauf nehmen, deswegen die PrEP. Bei anderen Infektionskrankheiten, etwa Chlamydien, die er übrigens schon mal hatte, sei er weniger alarmiert. „Dagegen gibt es ja Medikamente.“

Wer die PrEP nimmt, hat aber selbst in solchen Fällen einen gewissen Vorteil: In der Regel wird die Erkrankung schnell entdeckt, denn die Betroffenen müssen alle drei Monate zum Test. Wie jedes Medikament hat nämlich auch die PrEP-Pille Nebenwirkungen, sie kann etwa die Nieren schädigen. Um solche Probleme rechtzeitig zu erkennen, sind engmaschige Kontrollen ein Muss.

Für Simon Enders* steht außer Frage, dass er PrEP so lange wie möglich nehmen wird. Zumal er ja selbst immer wieder mitbekommt, dass der Umgang mit Kondomen laxer geworden ist. „Es ist die sicherste Methode“, sagt er daher. Auch Experte Spinner ist von der Wirksamkeit überzeugt: „Die PrEP ist eine einzigartige Möglichkeit zum individuellen Schutz vor einer HIV-Infektion.“ Mit oder ohne Kondom. *Name geändert

Offene Sprechstunde

Am Montag, 2. Dezember, um 8:30 bis 16 Uhr, findet im Interdisziplinären HIV-Zentrum IZAR am Uni-Klinikum rechts der Isar eine offene Sprechstunde mit HIV-Beratung, HIV-Tests und Beratung rund um sexuelle Gesundheit und Präventionsangebote statt. Eine Terminvereinbarung ist nicht erforderlich. Die Adresse in München lautet: Ismaninger Straße 22.

Artikel 4 von 4