„Braucht noch irgendwer Blut?“

von Redaktion

Vor der Fußball-EM proben Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte den Katastrophenfall

VON STEFANIE WEGELE

„Braucht irgendwer noch ein bisschen Blut?“, hallt es um kurz nach 8 Uhr am Sonntagmorgen durch die Gänge der Allianz Arena in Fröttmaning. Die Frage richtet sich an die Statisten, die an diesem Tag bei der gemeinsamen Katastrophenschutzübung von Feuerwehr, Polizei, Rettungsdiensten, Technischem Hilfswerk, Kliniken, Stadt und Fußballbund die Verletzten spielen und dementsprechend geschminkt sind. Die Stimmung ist ausgelassen, die Komparsen, die Fußballfans mimen, schwenken Deutschlandfahnen, es wird gescherzt und gelacht.

Doch der Hintergrund dieser aufwendigen Übung ist ernst: Etwa 2000 Einsatzkräfte probten am Sonntag, was sie tun müssen, wenn es völlig überraschend zu einer unübersichtlichen Einsatzlage kommt – sei es durch einen Unfall, Panik oder einen Terroranschlag. Dabei müssen alle beteiligten Organisationen und ihre Helfer effektiv zusammenarbeiten, um die zahlreichen Verletzten versorgen zu können und gleichzeitig den Überblick zu behalten. Die Übung der sogenannten Großschadenslage dient zur Vorbereitung der Fußball-Europameisterschaft 2020, bei der vom 12. Juni bis 12. Juli vier Spiele in München stattfinden.

Das Drehbuch dieser Übung lässt die Einsatzkräfte nahezu zeitgleich drei große Einsätze bewältigen. Die beteiligten Organisationen sollten davon ausgehen, dass die Ereignisse zwei Stunden vor dem dritten Gruppenspiel Deutschlands stattfinden.

Um Punkt 8.14 Uhr raucht und qualmt es plötzlich in der Allianz Arena. Die Einsatzkräfte wissen zu diesem Zeitpunkt der Übung noch nicht, was passiert ist – genauso, wie es im Ernstfall auch wäre. Alle Beteiligten reagieren professionell: Polizisten halten die Fußballfans gekonnt fern von den verletzten Statisten, Rettungskräfte kümmern sich um Menschen, die vor einem Kiosk auf dem Boden liegen. Allmählich wird klar, welcher Ernstfall simuliert wird: In dem Kiosk ist eine Fritteuse explodiert, es brennt und raucht. 50 Besucher müssen medizinisch versorgt, die anderen beruhigt werden. Draußen kommen mit angeschaltetem Blaulicht die Rettungsfahrzeuge an. Die Einsatzkräfte bringen die Verletzten auf den Stadionvorplatz und entscheiden je nach Verletzungsbild, wer wie dringend behandelt werden muss. Dann werden die verletzten Männer und Frauen weiter in Krankenhäuser transportiert.

Bereits zuvor, um acht Uhr, waren die übenden Einsatzkräfte am U-Bahnhof Arabellapark gefordert. „Hier war das Szenario, dass Fußballfans Pyrotechnik gezündet haben, es raucht und qualmt und eine Massenpanik bricht aus“, erklärt Polizeisprecher Damian Kania. Die Herausforderung für die Polizei sei es zunächst gewesen, herauszufinden, was passiert ist. Denn die Einsatzlage hätten die Beamten auch als Terroranschlag wahrnehmen können. Auch hier waren 50 Statisten im Einsatz, die Verletzte nach einer Massenpanik gespielt haben. Sie mussten versorgt und teilweise in Krankenhäuser transportiert werden. Um 8.30 Uhr mussten die Einsatzkräfte schließlich noch einen schweren Unfall mit einem Eingeklemmten in der Kfz-Verwahrstelle des Polizeipräsidiums in Trudering bewältigen. – ebenfalls mit Verletzten, um die sich die Einsatzkräfte kümmern mussten.

Auch an den Rechnern waren die Beamten gefordert: Damit alles realistisch wirkt, prasselten in Echtzeit Hinweise und Mitteilungen via Notruf und auch über soziale Medien auf die Einsatzkräfte ein. Die Übenden mussten schnelle Entscheidungen treffen und relevante von unwichtigen Informationen trennen sowie Gerüchte oder tatsächliche Hinweise erkennen. Im Einsatz waren am Sonntag so viele Menschen und Fahrzeuge, wie sie tatsächlich für den Einsatz bei der EM 2020 eingeplant sind.

Das erste Fazit der beteiligten Organisationen fiel positiv aus. Oberbranddirektor Wolfgang Schäuble sagte: „Auch für Feuerwehr und Rettungsdienst ist die Abarbeitung und Koordinierung solcher Einsatzszenarien eine große Aufgabe. Das hat gut funktioniert, sodass die Versorgung der Verletzten zügig durchgeführt werden konnten.“ Laut Polizeipräsident Hubertus Andrä sind in die Vorbereitung zur EM die Erkenntnisse aus der Weltmeisterschaft 2006 eingeflossen, das Einsatzkonzept sei aber angepasst worden. Denn Beamte müssten heutzutage zunächst immer von einer lebensbedrohlichen Einsatzlage ausgehen und überprüfen, ob es Täter gibt und wenn ja, mit wie vielen sie zu tun haben. Nach Terroranschlägen wie beispielsweise am „Stade de France“ im Herbst 2015 in Paris wurden Einsatzkonzepte überarbeitet. Allerdings verzichteten die Organisatoren auf die Übung einer terroristischen Bedrohungslage.

Ziel der Übung war es auch, zu überprüfen, inwieweit die aktualisierten Einsatzkonzepte einen Praxistest bestehen. Auch Ausbilder und Trainer verfolgten die Übung und werden diese nun auswerten. Andrä resümiert: „Das Einsatzkonzept funktioniert, Details müssen wir eventuell nachbereiten.“

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