Daniela Herde formt Hände und Mund zu einem großen „O“. Dann bewegt sie ihre Hände parallel in anmutigen Zickzack-Bewegungen, die nach unten immer breiter werden. Sie „malt“ quasi einen Tannenbaum in die Luft. Die Gehörlose singt das Weihnachtslied „O Tannenbaum“ in Gebärdensprache. Lautlos.
„Eigentlich machen Gehörlose das nicht“, erklärt Herde. Doch es gibt einige wenige, die einfach gern singen. So wie sie. Als Kind habe es in ihrer Familie keine Weihnachtslieder gegeben. Ihre hörenden Eltern waren halt nicht musikalisch. Daher wurde nur die Weihnachtsgeschichte vorgelesen. Die gehörlose Tochter aber hatte Freude an Musik und klemmte sich dahinter. Im Laufe der Jahre hat die Pasingerin sich Lieder selbst beigebracht. Ihr Lieblingssong: „Merci Chérie“ von Udo Jürgens. „Das geht so ans Herz.“ Ihr Weihnachtsrepertoire ist groß. Es reicht von „Schneeflöckchen“ über „Leise rieselt der Schnee“ bis zum Klassiker „Stille Nacht“.
Hörbehinderte würden Klang und Rhythmus auf andere Weise und bewusster wahrnehmen, da sie den kompletten Körper einsetzen, erläutert die 48-Jährige. Sie seien in der Lage, die Schwingungen und Vibrationen zu spüren und zu visualisieren. Den Rhythmus nimmt Daniela Herde vor allem über die Bässe auf. „So kann ich mir vorstellen, wie sich Musik anfühlt.“
In München gibt es sogar einen Gebärden-Chor. Doch das Singen mit den Händen ist immer noch recht unbekannt. Zusammen mit ihrer Freundin Constanze Kobell will die Gebärdensprachendozentin daran arbeiten, das zu ändern. Am Freitag werden die beiden um 15 Uhr vor den Riem-Arcaden erstmals zeigen, wie „O Tannenbaum“ in Gebärdensprache funktioniert. „Ich glaube, es wird sehr kompliziert“, sagt Kobell. Sie hat keine Hörbehinderung, hat früher im Gehörlosenverband gearbeitet und vor 20 Jahren Gebärdensprachunterricht bei Herde begonnen. „Ich habe in VHS-Kursen erlebt, wie schwer sich Hörende tun.“ Ähnlich wie bei Tanzschritten sei die Koordination im Kopf das Problem. „Außerdem ist manches nicht logisch.“
Tatsächlich ist die Umsetzung von Liedtexten in Gesten nicht ganz einfach. „Die Gebärdensprache ist eine eigenständige, visuelle Sprache, die aus Handzeichen, Körperhaltung, Mimik und Mundbild besteht“, erklärt Daniela Herde. Die Grammatik unterscheide sich grundlegend von der deutschen Lautsprache. Außerdem gebe es auch hier Dialekt. So würden die Begriffe „grün“ und „Sommer“ in Bayern anders gebärdet als im Norden.
Wenn aber gehörlose und hörende Menschen gemeinsam singen, dann muss es für beide funktionieren. „Wir wollen mit dem Gesang verbinden, das ist für mich Inklusion“, sagt Kobell. Natürlich könnte man alle Worte auch einzeln „übersetzen“, aber Daniela Herde hat „O Tannenbaum“ auf wenige Gebärden reduziert. „Mimik und Ausdruck unterstützen das.“ So erlebt man die Musik gewissermaßen in Bildern.
Für manche Hörende hat das Gebärden-Singen übrigens noch einen ganz anderen Vorteil: Mit den Händen kann man die Töne leichter treffen.