Vom Feuerwerkverbot ist in der U3, die um 23 Uhr Richtung Innenstadt unterwegs ist, nicht viel zu spüren. Die Reisenden haben Rucksäcke, Taschen und Kartons voll mit Böllern und Raketen bei sich. Drei junge Frauen aus England schießen angetrunken Selfies, Sekt- und Bierflaschen werden herumgereicht. Doch die Passagiere mit der heißen Fracht steigen allesamt bereits am Olympiazentrum aus.
Erstmals gilt zum Jahreswechsel 2019/2020 ein umfassendes Feuerwerkverbot in der Altstadt-Fußgängerzone. Zwischen Marienplatz und Stachus warten von 21 Uhr bis zwei Uhr morgens 75 Euro Bußgeld auf Feiernde, die Feuerwerkskörper mitführen. Mit einer Strafe von bis zu 1000 Euro müssen Zündler rechnen, die Raketen und Böller in den Himmel schießen.
Eine Lautsprecherdurchsage in der Bahn macht klar, dass es die Stadt durchaus ernst mit dem Verbot meint: „Auf Weisung der Polizei fahren alle Bahnen am Marienplatz vorbei“. Beim Umsteigen in die U4 am Odeonsplatz in Richtung Stachus wird es wieder voll. Vom Stachus aus pilgern schließlich Tausende Richtung Marienplatz. Eine stille Prozession vorbei an den Einsatzkräften der Polizei, die den Straßenrand säumen. Im Abstand von rund 200 Metern sichern sie das Areal ab.
Rund 300 Polizisten aus ganz Bayern verstärken in der Silvesternacht die etwa 1000 Münchner Ordnungshüter. Vereinzelt werden Taschen kontrolliert und Personalien aufgenommen. Die Atmosphäre ist entspannt. Insgesamt sind rund 20 000 Menschen in der Altstadt unterwegs, etwa 10 000 davon warten am Marienplatz auf den großen Knall – der jedoch ausbleibt.
Stattdessen: Beinahe andächtige Stille und ein klarer Nachthimmel. Der Glockenschlag um Mitternacht kommt beinahe überraschend. Statt im mitunter gefährlichen Raketengewitter, fallen sich die Menschen heuer im roten Warnlicht eines Polizeifahrzeugs um den Hals – es gilt absolutes Feuerwerkverbot.
Die Sektkorken knallen und vereinzelt hört man das leise Zischen verbotener Knallfrösche. Ein ganz Verwegener schmeißt Knaller in Richtung einer kleinen Gruppe. Die Polizei greift beherzt ein. Der Italiener ist auf Silvesterbesuch in München, das Böllerverbot findet er offensichtlich unsinnig. Die Einsatzkräfte konfiszieren bei ihm ein ganzes Arsenal an Feuerwerkskörpern und nehmen die Personalien des Italieners auf. Er muss mit einem empfindlichen Bußgeld rechnen.
Was dann passiert, könnte in den nächsten Jahren zum Volkssport werden: Ein Feuerwerksflitzer spurtet in die Mitte des Marienplatzes, baut in Windeseile eine Feuerwerksbatterie auf. Bevor die Einsatzkräfte reagieren können, steigen die Feuerwerkskörper auf und lassen ihren bunten Funkenregen herabregnen. Stellenweise brandet Jubel auf. So ganz ohne Feuerwerk gefällt den Münchnern ihr Silvester anscheinend nicht. Allzu viele wollten sich auf dieses Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei aber nicht einlassen: Vier Versuche, Raketen zu zünden, gab es im Bereich der Fußgängerzone. Eine stille Silvesternacht am Marienplatz.