„Es ist erstaunlich, dass das Theater überlebt hat“, sagt Anette Spola, Mitbegründerin und Leiterin des TamS, des Theaters am Sozialamt. Schon dass es noch steht, ist ein kleines Wunder. Erst nahm ein Sturm das Dach mit sich, dann rissen 2017 Bagger bei Abbrucharbeiten nebenan das TamS fast mit ab. Löcher klafften in der Rückwand und „das TamS war ganz konkret in seiner physischen Existenz bedroht“, erinnert sich Lorenz Seib, der das Theater heute zusammen mit Spola führt. Nach fast einem halben Jahrhundert drohte eine besondere Münchner Theatergeschichte jäh zu enden.
Doch die Behörden hielten das ehemalige Tröpferlbad an der Haimhauserstraße für erhaltenswert und stellten es unter Denkmalschutz. Das Theater im Inneren, von dem Gerhard Polt sagt, hier wohne die Fantasie in Gütergemeinschaft mit dem Humor, wurde Teil des Baudenkmals. Nach zwei Jahren waren die Schäden behoben und das TamS kann in diesen Tagen einen runden Geburtstag begehen. Heute Abend, genau 50 Jahre nach der ersten Aufführung, feiert das Jubiläumsstück „Trotz des großen Erfolgs“ Premiere. Freunde des TamS werden die eine oder andere Anspielung auf Früheres entdecken – und TamS-Neulinge werden spüren, wie sich die Macher der Institution Theater vorstellen.
Begonnen hat die Geschichte des TamS in den späten 60er-Jahren. Das Schauspielerpaar Anette Spola und Philip Arp war eine Zeit lang mit Pantomimen-Programmen unterwegs gewesen. Jetzt wollten sie ihr eigenes Theater. „Ein Bäcker hat uns auf das alte Bad in der Haimhauserstraße gebracht“, erzählt Spola. In einem Hinterhof verrottete, Wand an Wand mit der damaligen Außenstelle des Sozialamtes, ein Brausebad, in dem sich einst Münchner wuschen, die ohne fließend Wasser wohnten.
Die Stadt überließ Spola und Arp die Räume zur Miete und die rissen Umkleiden, Duschen und Wannen heraus. Nur die alte Heizungsanlage blieb stehen. Sie dient heute als Tresen im winzigen Foyer. Auch Zuschauerraum und Bühne fielen nicht üppig aus. Die letzte der gerade mal sechs Sitzreihen ist keine zehn Meter vom Bühnenrand entfernt. Von da sind es viereinhalb Meter zur Rückwand. Auf diesem beengten Raum eröffnete das TamS am 27. Januar 1970 mit „Die stummen Affen“ von Fritz Herrmann.
„Die Eröffnung des neuen Theaters war zugleich seine Beerdigung“, glaubte die Kritik. Doch anders als dutzende Szenetheater, die im München der 70er-Jahre entstanden, überlebte das TamS. Ein Jahr nach Gründung ließ es mit seinen Valentinaden, Stücken im Geiste Karl Valentins, aufhorchen. Die waren nicht einfach Imitationen des Vorbildes, sondern eigene Werke, die den Humor, die Verschrobenheit und Skurrilität, aber auch Schwermut und Melancholie des Originals atmeten.
Dieser Geist schwebt auch mehr als 30 Jahre nach dem Tod von Philip Arp noch über dem TamS. Er war auch zu spüren in den Stücken, in denen Spola ab 2003 mit der Kabarettistin Maria Peschek als Clown-Duo Beppi und Charlie ein wachsendes Publikum anzog. Doch es ist die Vielfalt des Programms, die die Bühne auszeichnet. „Nur psychologisches Theater und Realismus gibt es nicht. Das interessiert mich nicht“, sagt Spola. Literarisches und auch politisches Theater wurde gespielt. Ernst Toller, Thomas Bernhard und Peter Handke. Aber auch für unbekannte Autoren war Platz im TamS. Junge Bühnenbildner, Regisseure und Schauspieler durften sich ausprobieren. Eberhard Kürns, der auch am Gärtnerplatz-Theater wirkte, baute Kulissen. Josef Bierbichler sammelte Schauspielerfahrung, genauso wie Friederike Frerichs, die Arp und Spola mit einem Putzjob gelockt und dann auf die Bühne gestoßen hatten. Auch Lorenz Seib kam in den 90ern als jugendliche Technik-Aushilfe und wuchs zum Regisseur und Theaterleiter.
Mit dieser Offenheit fand das TamS immer wieder Freunde, die zurückkehrten, als sie längst anderswo erfolgreich waren. Jörg Hube stand über Jahrzehnte an der Haimhauserstraße auf der Bühne. Ihm und Arp schrieb der schweizerische Autor Urs Widmer Stücke auf den Leib. Im Jubiläumsjahr wird auch Gerhard Polt wieder mal das TamS beehren.
Die Ära des inklusiven Theaters nahm 1981 mit Peter Radtke und seiner „Nachricht von Grottenolm“ ihren Anfang. Zwei Jahre später erblickte hier das Crüpel Cabaret das Licht der Welt. Es folgten das Theater Apropos und das Grenzgänger-Festival, bei dem inklusive Theatergruppen aus aller Welt zu Gast sind. Platz findet sich für alle, die Lust haben auf Theater à la TamS. Was das bedeutet, davon vermittelt das Jubiläumsstück – eine ironisch-heitere Collage über das Theatermachen – einen lebhaften Eindruck. Rollen, Texte, ganze Stücke werden, manchmal bis kurz vor der Premiere, mit Akribie und Hingabe auf die Menschen zugeschnitten, die dabei sind – eine bunte Mischung aus Profis und Amateuren.
Aber nicht nur bei der Entwicklung von Stücken gehört Improvisieren zum Geist des TamS. „Man lernt, durchzukommen“, sagt Spola. Nicht wissend, ob es den öffentlichen Zuschuss auch nächstes Jahr noch gibt, den Verlust von Ensemble-Mitgliedern verkraftend, denen die Stadt zu teuer wurde. „Etwas mehr Planungssicherheit“ wünscht sich Spola für die Zukunft. Und „mehr Tiefe“. Da meint sie aber nur den Bühnenraum, in dem, wie Gerhard Polt findet, „fragilstes Menschsein stolpert, aber auch äußerst würdevoll über die Bretter dort gleitet“.
Karten
ab 24,90 Euro für die Aufführungen von 29. Januar bis 15. Februar bei München Ticket, Tel. 089/54 81 81 81, www.muenchenticket.de