Der Bonus des Amtsinhabers

von Redaktion

KLAUS VICK

Umfragen sind kein Ruhekissen für Parteien oder Politiker, der Endspurt im Wahlkampf kann noch vieles bewegen. Das lehrt die Erfahrung. Dass OB Dieter Reiter noch von einer seiner beiden Herausforderinnen gefährdet werden könnte, ist aber kaum anzunehmen. Nicht nur die Umfrage unserer Zeitung, sondern auch andere Prognosen sehen den sozialdemokratischen Amtsinhaber mehr oder weniger deutlich vorne.

Damit zeigt sich einmal mehr: Kommunale Abstimmungen sind Persönlichkeitswahlen, die sich in der Regel vom allgemeinen Trend der Parteien entkoppeln. Ansonsten müssten die CSU-Politikerin Kristina Frank und die Grünen-Kandidatin Katrin Habenschaden besser dastehen. Und Reiter weitaus schlechter. Doch der amtierende Rathauschef ist über Parteigrenzen hinweg beliebt, vor allem ältere Münchner Bürger schätzen ihn offensichtlich. Der alte SPD-Slogan von der „München-Partei“, hier greift er noch. Im Übrigen zeigt Reiter bei sozialpolitischen Themen klar Kante, genauso wie im Kampf gegen rechts. Positionen, die er auch authentisch verkörpert. Sein aktuell größter Makel: Bei Angriffen im Stadtrat reagiert er immer dünnhäutiger, reflexartig blinzelt er über Konflikte in ironischem Unterton hinweg. Ein wenig im Stile eines Sonnenkönigs.

Was bei der Umfrage noch auffällt: Selbst bei den Wählerinnen schneidet Reiter überdurchschnittlich gut ab. Das überrascht. Offenbar haben seine jungen Herausforderinnen nach wie vor ein Bekanntheitsdefizit. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Denn die traurige Wahrheit ist auch: Viele Menschen interessieren sich überhaupt nicht für Kommunalpolitik beziehungsweise gehen gar nicht zur Wahl. Man kann nur hoffen, dass sich das Desaster von 2014 nicht wiederholt, als sich nur 42 (!) Prozent der Münchner bemüßigt fühlten, abzustimmen. Eine größere Teilhabe wäre ein Dienst an der Demokratie. Wer letztlich von einer höheren Wahlbeteiligung profitieren würde, sei dahingestellt.

klaus.vick@ovb.net

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