Umfragen lassen immer Interpretationsspielraum. Oft ist es so, dass die Protagonisten selbst bei negativer Prognose ein Fünkchen Positives herauslesen. Und oft müssen dann Floskeln herhalten, die man aus dem Fußball kennt. Zum Beispiel: „Ein Spiel dauert mindestens 90 Minuten. Und: Die Wahrheit liegt auf dem Platz.“ Sagt zumindest Kristina Frank (38), bekennende FC-Bayern-Anhängerin, die zuversichtlich ist, die Stichwahl zu erreichen. Die Umfrage, so Frank, zeige: „Jede Stimme zählt.“
Die CSU-Kandidatin liegt laut INSA knapp hinter Katrin Habenschaden (42) von den Grünen. Die sympathisiert übrigens mit dem 1. FC Nürnberg. Und in München drückt sie eher den Löwen die Daumen. Habenschaden sagt, sie werde „in den verbleibenden beiden Wochen bis zur Wahl noch mal mit vollem Einsatz bei den Münchnern für grüne Inhalte werben, um den Abstand zu Dieter Reiter zu verringern“. Dass der SPD-Amtsinhaber laut Prognosen überhaupt in eine Stichwahl gezwungen werden könnte, zeige, „dass viele Menschen mit der Arbeit von Reiter unzufrieden sind“. Nach Dafürhalten Habenschadens liegt dies daran, dass an der Stadtspitze nur verwaltet, nicht mehr aktiv gestaltet worden sei.
Reiter (61) selbst – der Vollständigkeit halber: Auch er ist Bayern-Fan – kommentiert grundsätzlich keine Umfragen. Dafür äußert sich die München-SPD, die sich „über die sehr guten Umfragewerte von Reiter“ freut. „Die große Sympathie und Zustimmung zu unserem Oberbürgermeister spüren wir Tag für Tag im Wahlkampf auf der Straße und an den Haustüren“, erklärt Parteisprecher Roland Fischer. Der stellvertretende Stadtvorsitzende warnt zugleich: „Damit aus Umfrageergebnissen aber auch echte Wahlergebnisse werden, müssen die Menschen tatsächlich wählen gehen, denn entschieden ist noch lange nichts.“
Die Befragung wurde von INSA zwischen 19. und 25. Februar durchgeführt. 1009 Personen nahmen daran teil. Dass es überhaupt zu einer Stichwahl kommt, ist nicht sicher, legt man die Zahlen von INSA zugrunde. Reiter liegt aktuell nur knapp unter den 50,1 Prozent, die für einen Sieg im ersten Wahlgang mindestens notwendig sind. Für den Fall einer Stichwahl ist angesichts des knappen Vorsprungs von Habenschaden noch unklar, wer diese erreichen könnte. Außer Reiter, Habenschaden und Frank treten elf weitere OB-Kandidaten an. Diese spielen INSA zufolge aber keine Rolle. Alle restlichen Bewerber landen unter fünf Prozent. Insgesamt entfallen auf die elf Kandidaten 18 Prozent der Stimmen, womit jeder im Durchschnitt auf 1,6 Prozent käme.
Reiter kann über alle Parteigrenzen hinweg punkten, nicht nur bei seiner Stammwählerschaft der SPD, die zu 96 Prozent für ihn votieren würde. Auch 40 Prozent der Grünen- und 34 Prozent der CSU-Wähler würden sich für ihn entscheiden. Frank kommt bei der eigenen Anhängerschaft auf 62 Prozent, Habenschaden auf 58.
Bezogen auf das Wahlverhalten der Altersgruppen verfehlt Reiter nur bei den 18- bis 29-Jährigen die Mehrheit. Hier liegt Habenschaden mit 34 Prozent vorne, Reiter erhielte bei den Jungwählern 26 Prozent, Frank 13 Prozent. Bei den 30- bis 39-Jährigen wendet sich das Blatt zugunsten Reiters – mit 35 zu 20 Prozent, Frank liegt bei 19 Prozent. Die Zustimmung für den amtierenden OB bei den Bürgern ab 60 Jahren liegt gar bei 73 Prozent, bei den 50- bis 59-Jährigen sind es 53 Prozent. Auffällig: Bei Reiter und Habenschaden gibt es große Schwankungen in den Altersklassen, während INSA bei Frank ein enges Zustimmungsfenster zwischen 13 und 19 Prozent ausweist. Reiters Bandbreite liegt zwischen 26 und 73 Prozent, jene von Habenschaden zwischen 7 und 34 Prozent. Interessant, dass Frank und Habenschaden auch bei den Frauen keinen Boden gutmachen können. Reiter würde bei den Wählerinnen mit 52 Prozent sogar die absolute Mehrheit erreichen, weit vor Habenschaden (19 Prozent) und Frank (15 Prozent).
Unter denjenigen, die sicher an der Wahl teilnehmen wollen, weiß laut INSA jeder Sechste noch nicht, für wen er stimmt. Vor allem für die drei Kandidaten von SPD, Grünen und CSU kommt es daher im Endspurt darauf an, ihre Wähler zu mobilisieren.