Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter nannte die Ankündigung eine „gute Entscheidung“, die gleichwohl für ihn nicht ganz überraschend komme. „München als großer IT-Standort, Automobilstandort und vielen Forschungseinrichtungen ist ideal für das Vorhaben“, sagte Reiter der Deutschen Presse-Agentur. Alle Großstädte stünden vor gewaltigen Herausforderungen bei der Umsetzung einer Mobilitätswende. Es bedürfe zukunftsfähiger Technologien, und wenn das geplante Zentrum hierzu beitragen könne, sei das nur zu begrüßen. Reiter kündigte an, in Kürze mit dem Bund und dem Freistaat Gespräche zur Umsetzung aufzunehmen. Zunächst gelte es, für die Ansiedlung Flächen zu prüfen.
Verkehrsminister Andreas Scheuer sagte in dem Interview, Ziel sei es, Mobilität und Digitalisierung zusammenzubringen. In dem geplanten Mobilitätszentrum solle es vor allem um die Entwicklung alternativer Kraftstoffe sowie um Stadtentwicklung und neue Mobilitätskonzepte gehen. Als Grund für den Standort München nannte Scheuer auch die kürzlich getroffene Entscheidung für die bayerische Landeshauptstadt als Standort der Automesse IAA.
Diesen Zusammenhang stellt auch die Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw) her. Ihr Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt sagte gestern auf Anfrage unserer Zeitung: „ Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft begrüßt außerordentlich, dass das neue Mobilitätszentrum nach München kommen soll. Zusammen mit der IAA, unserer starken Automobil- und Zuliefererindustrie in Bayern und den vielen IT-Hotspots in München ist diese Entscheidung Wegbereiter für eine erfolgreiche Mobilitätswende für Bayern und Deutschland.“
Wenig überraschend ist, dass auch Kristina Frank, die OB-Kandidatin der CSU, von der Ankündigung ihres Parteifreundes begeistert ist. „Die Ideen von heute werden der Wohlstand von morgen sein.“, sagt Frank. Deshalb dürfe die Zukunft der Mobilität nicht außerhalb Deutschlands stattfinden. „Es braucht mutige Entscheidungen für das München von morgen. Dabei müssen wir gleichzeitig immer darauf achten, dass unser Wachstum gesund und ausbalanciert sein wird.“
Außerhalb der Stadtgrenzen kommt die Initative nicht überall gut an. So sagte der verkehrspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Oliver Luksic, der Nachrichtenagentur dpa, über ein Zentrum für die Mobilität der Zukunft könne man gerne diskutieren. „In keinem Fall kann man aber nach Gutsherrenart Gelder verteilen ohne nachhaltige Konzepte und Standort-Wettbewerb. Ich würde mich wundern, wenn die SPD das auch mitmacht.“ Luksic kritisierte vor allem den Zeitpunkt der Ankündigung. Kurz vor der Kommunalwahl werde „etwas Unausgegoreneres“ angekündigt. „Das ist ein durchsichtiges Wahlkampf-Manöver“, urteilt Luksic mit Blick auf die Kommunalwahlen, die am kommenden Sonntag in Bayern stattfinden.
Der stellvertretende Grünen-Fraktionschef Oliver Krischer erklärte: „Die Verzweiflung bei der CSU im Allgemeinen und bei Andi Scheuer im Besonderen muss vor der Kommunalwahl in Bayern an 15. März groß sein. Mit Großprojekten für Bayern versucht der Mautminister sein politisches Totalversagen zu kaschieren.“ Damit bestätige er aber wieder nur, was viele Statistiken belegten: „Die CSU nutzt das Verkehrsministerium in Berlin mit seinen hohen Etats vor allem, um Geld des Bundes nach Bayern zu schaufeln. Das grenzt an organisierte Plünderung zu Lasten von 15 anderen Bundesländern. Damit muss endlich Schluss sein.“
Dabei ist auch in Bayern selbst nicht jeder Politiker von dem Vorstoß begeistert – gerade im ländlichen Raum sind kritische Stimmen zu vernehmen. Thomas Schneider, der im niederbayerischen Zachenberg für die Freien Wähler als Bürgermeisterkandidat ins Rennen geht, hätte eine solche Investition lieber in der eigenen Region gesehen. „Dieses Zentrum gehört aufs Land. Wir hätten ein Gewerbegebiet – mit Zuganbindung. Das wäre mal eine Förderung des ländlichen Raums“, schimpft Schneider.
Auch in Ingolstadt ist man enttäuscht darüber, dass in München investiert werden soll. „Ich gönne es Dieter Reiter natürlich, wenn er als SPD-Oberbürgermeister vom CSU-Verkehrsminister eine Woche vor der Wahl ein Wahlgeschenk bekommt“, sagt Christian Schapf, der für die SPD als OB-Kandidat in Ingolstadt antritt. „Aber München ist voll und München hat praktisch keine Grundstücke mehr. Es gibt in Bayern keine Stadt, die besser als Ingolstadt für das Mobilitätszentrum geeignet wäre“, meint der Ingolstädter.
Und auch außerhalb des Freistaats hätten Kommunalpolitiker die Investition gerne in ihre Landkreise geholt. Wie der Recklinghäuser Landrat Cay Süberkrüb (SPD), der Scheuer „Unverfrorenheit“ vorwirft, weil er die halbe Milliarde nach Bayern lenkt. „Die schlimmsten Lobbyisten machen das nicht so offen und unverfroren. Alle aussichtsreichen Kandidaten für den CDU-Vorsitz kommen aus NRW. Wo bleibt der Aufschrei?“