Gerade als sich Juliane Karp (38) endlich einmal kurz hinsetzen und einen Kaffee gönnen will, läutet ein besorgter Patient die Glocke. Die Krankenschwester versorgt in der derzeit einzigen reinen Corona-Station im Klinikum rechts der Isar 13 Infizierte. Ihr Arbeitsalltag hat sich grundlegend geändert. „Wir rennen doppelt so viel wie sonst, auch weil wir viel mehr psychologische Hilfe leisten müssen.“
Die stellvertretende Stationsleiterin arbeitet seit 20 Jahren in diesem Beruf. Schon immer hat sie versucht, ein offenes Ohr für die Patienten zu haben. Derzeit aber ist dies wichtiger denn je. „Unsere Patienten dürfen das Zimmer nicht verlassen, dürfen keinen Besuch empfangen. Sie haben niemand, der ihre Hand hält. Das übernehmen wir jetzt“, sagt die 38-Jährige.
Schutzkleidung an- und ausziehen, Material und Kleidung desinfizieren, häufige Besprechungen – auch die Arbeit drum herum hat zugenommen, seit ihre eigentlich gastroenterologische Station für Corona-Patienten mit leichteren Verläufen genutzt wird. Der Infektionsschutz wird großgeschrieben: „Wir haben beispielsweise eine große Wanne, in der ständig Brillen desinfiziert werden, daneben läuft die Eieruhr.“
Die Münchnerin ist froh, dass sie Unterstützung von Personal aus anderen Abteilungen bekommen hat. „Die kommen beispielsweise aus der plastischen Chirurgie, denen müssen wir noch viel erklären, aber das klappt recht schnell.“ Sie alle eint, dass sie sich recht sicher fühlen. „Ich habe persönlich keine Angst, aber ich gehe schon mit einem unguten Gefühl zur Arbeit“, sagt Karp. Man brauche sich nichts vorzumachen. „Ich arbeite im Auge des Sturms, das ist klar.“ Deshalb führen die Mitarbeiter auch ein eigenes Gesundheitstagebuch. Zwei Mal täglich messen sie Fieber und tragen ihre Körpertemperatur ein, außerdem müssen sie eintragen, ob sie relevante Beschwerden oder Symptome haben.
Für die Pflegerin Karp ist ihr Knochenjob eine Berufung. Sie ist harte Arbeit und belastende Geschichten gewohnt und hat gelernt, Erlebnisse aus dem Klinikum nicht mit nach Haue zu nehmen. „Aber jetzt ist die psychische Belastung noch mal eine andere. Das lässt einen alles nicht kalt.“ Die Krankenschwester ist noch erschöpfter als sonst nach dem Dienst. Wenn sie in die eigenen vier Wände kommt, fällt sie nur noch ins Bett. Immerhin einen positiven Nebeneffekt gebe es: „Die ganze Situation schweißt unser Team noch mehr zusammen.“
Die Krankenpflegerin und ihre Kollegen wissen, dass die Arbeit weiter zunehmen wird, wenn die Fallzahlen wie prophezeit exponentiell steigen. Auf Juliane Karps Station stehen insgesamt 28 Betten, die bislang leeren 15 werden bald belegt sein. „Das Klinikum bereitet sich darauf vor, dass auch andere Stationen für Corona-Patienten freigeräumt werden. Wir warten darauf, dass die Welle anrollt.“ Die 38-Jährige berichtet, dass auch darüber nachgedacht werde, die Acht-Stunden-Schichten auf 12-Stunden-Schichten zu verlängern – damit weniger Personal dem Risiko einer Infektion ausgesetzt ist. „Dann kann ich meinen Rucksack für die Arbeit packen, mit meiner Zahnbürste…“