Als Assistenzärztin Simone Lob gestern zum ersten Mal einen Corona-Schutzanzug angezogen hat, um infizierte Patienten zu untersuchen, dachte sie an ihren Mann. „Der findet das nicht gut, dass ich das mache – aber ich mache mir keine Sorgen, ich bin ja gut geschützt.“
Die Ärztin gehört zum Team, das in der Sendlinger Großpraxis Dr. Grassl derzeit Akkord-Arbeit leistet. In einem eigens eingerichteten Infektionsbereich sind sie und ein paar Kollegen ganz nah mit potenziell erkrankten Corona-Patienten zusammen. Wenn ein dringender Verdacht auf eine Infektion besteht, nehmen sie ausnahmsweise auch Abstriche vor.
Neben diesem ganz neuen Arbeitsbereich stehen die Mitarbeiter vor einer weiteren Herausforderung. „Die Patienten haben oft große Angst und sind sehr fordernd. Viele wollen getestet werden und beschimpfen uns, wenn wir sie nicht testen können“ , berichtet der Allgemeinarzt Wolfgang Ritter. Die Zahl der Anrufe und Mails habe sich durch Corona verzehnfacht – eine Herausforderung vor allem für die Arzthelferinnen.
Es kommt nicht selten vor, dass Wolfgang Ritter Kollegen trösten muss, die von Patienten angegangen wurden. Er arbeitet noch mehr als sonst, auch weil er im Vorstand des Bayerischen Hausärzteverbandes tätig ist und ständig mit der Politik und anderen Ärzten in Verbindung steht und sich berät. „Oft bin ich von 8 bis 24 Uhr in der Praxis.“
Die Sorgen werden nicht kleiner: Auch in dieser Praxis wird die Ausrüstung knapp. „Unser Desinfektionsmittel reicht noch für etwa 10 Tage“, sagt Wolfgang Ritter. „Über die offiziellen Kanäle bekommen wir keine Schutzkleidung mehr. Das ist eine Katastrophe. Wenn wir uns unter den Praxen nicht aushelfen würden, könnten wir zumachen.“