München ist die Corona-Hauptstadt der Republik – keine andere Großstadt hat das Virus bislang so heftig erwischt. 3099 Fälle gab es hier Stand gestern um 14 Uhr. An vorderster Front kämpfen neben Ärzten, Pflegekräften und Kliniklogistikern die Mitarbeiter des Münchner Gesundheitsamts. Und zwar bereits seit der Stunde null – also jenem Moment, als die Pandemie nachweislich deutschen Boden erreichte. Eine chinesische Geschäftsfrau hatte Kollegen bei der Stockdorfer Firma Webasto infiziert. Damals war es dem Gesundheitsamt gelungen, alle Kontaktpersonen zurückzuverfolgen – ein „Meisterstück“, wie Top-Virologe Alexander Kekulé analysierte. Dieses Know-how setzt die Behörde nach wie vor ein. „Es gelingt uns dadurch noch immer, relativ viele Infektionsketten frühzeitig zu unterbrechen und damit die Ausbreitung des Virus zumindest einzudämmen“, berichtet Stephanie Jacobs. Für ihr unaufgeregtes, aber entschlossenes Handeln im Hintergrund hat sich die parteilose Gesundheitsreferentin den Respekt von Experten erworben. Im Gespräch mit unserer Zeitung erklärt sie, wie sie gegen das Virus weiter vorgehen will.
• Riesen-Taskforce gegen Infektketten: Inzwischen sitzen bereits 250 „Corona-Ermittler“ an Computern und Telefonen, um Infizierte zu kontaktieren und deren Kontaktpersonen ausfindig zu machen. Neben Mitarbeitern des Gesundheitsamts helfen auch Kollegen von anderen städtischen Dienststellen mit – darunter Verwaltungsangestellte, Erzieher und Kinderpfleger oder Lehrer sowie städtische Nachwuchskräfte, die in Blitzschulungen eingearbeitet werden. Referentin Jacobs möchte die Zahl ihrer „Corona-Ermittler“ sogar noch auf 400 erhöhen. Dazu laufen bereits Einstellungsverfahren für Ärzte und medizinisches Fachpersonal. „Es ist nach wie vor unser Ziel, so viele Ansteckungen wie möglich zu verhindern.“
• Kampf um Laborchemikalien: Nicht nur die Schutzausrüstung und die Desinfektionsmittel werden knapp, sondern auch Chemikalien für die Auswertung der Tests. Labormediziner benötigen sogenannte Reagenzien, um Abstriche bearbeiten zu können. Jacobs: „Derzeit laufen Verhandlungen mit dem weltweit führenden Unternehmen, um den Engpass zu beseitigen.“
• Bis zu 5000 Corona-Tests täglich: Weil viele unterschiedliche Einrichtungen (Gesundheitsamt, Kassenärztliche Vereinigung, Kliniken und Hausärzte) Abstriche nehmen, lässt sich die genaue Zahl der Tests nicht beziffern. „Aber wir wissen, dass Münchens Labore momentan etwa 4000 Tests täglich schaffen. Diese Kapazität soll kurzfristig auf 5000 ausgebaut werden.“ Wünschenswert sei ein schnellerer Test, am besten eine Art Soforttest für zu Hause ähnlich wie auf eine Schwangerschaft. „Ein solcher Test würde uns – sofern er wirklich zuverlässig wäre – viel Druck nehmen. Doch leider habe ich keinen Anhaltspunkt dafür, dass er in den nächsten Wochen zur Verfügung stehen wird“, sagt Jacobs.
• Sondertests für das Klinikpersonal: Mitarbeiter der Kliniken, des Rettungsdienstes und anderer besonders gefährdeter Berufsgruppen mit begründetem Verdacht werden alle zwei bis drei Tage sicherheitshalber getestet. Bei ersten Symptomen gehen sie in häusliche Quarantäne.
• IT-Offensive für Klinikbetten-Management. Bereits seit drei Wochen entwickelt die Stadt im Eiltempo eine eigene elektronische Austauschplattform, ein Covid-19-Krankenhausportal. Darin sollen möglichst alle Münchner Krankenhäuser ihre freien Betten eintragen und den Stand laufend aktualisieren. „Dadurch wollen wir die Kapazitäten noch schneller und effektiver nutzen“, so Jacobs.
• Tägliche Krisen-Telko mit über 50 Klinikstandorten: Jeden Morgen um 9 Uhr besprechen Vertreter der Kliniken in einer Telefonkonferenz mit dem Gesundheitsamt und den Ärztlichen Leitern der Führungsgruppe Katastrophenschutz die Entwicklungen.
• Schutzmasken ja, aber nicht als Pflicht: „Momentan würden die zur Verfügung stehenden Schutzmasken noch nicht für alle Bürger ausreichen. Deshalb setzen wir sie momentan da ein, wo sie Leben retten – in Kliniken und Pflegeeinrichtungen. Dort müssen Risikopatienten und Mitarbeiter besonders geschützt werden“, sagt Jacobs. Dennoch hält sie Masken in der Öffentlichkeit, in Supermärkten oder in der U-Bahn, für grundsätzlich sinnvoll. Sie hofft, dass die Engpässe bei der Beschaffung bald überwunden sind. „Wenn die Ausgangsbeschränkungen gelockert werden, wird das nicht ohne flankierende Maßnahmen gehen. Schutzmasken können eine davon sein.“